Christian Friedrich Daniel Schubart
Die gefangene Sänger
(1784)
Die Lerche, die, im schlauen Garn gefangen,
Im dunklen Eisenkäfig saß
Und traurig auf bestäubten Stangen
Den wirbelnden Gesang vergaß.
Fühlt' einst, vom Morgenstrahl erhoben,
Den mächtigen Beruf,
In einem Lied den Gott zu loben,
Der sie zur Lerche schuf.
Schon öffnet sich ihr Schnäbelein zum Singen,
Schon kräuselt sie die Melodie;
Spannt ihre Flügel aus, um sich emporzuschwingen
Und hoch herab aus blauer Lufe zu singen
Ihr schmetterendes Tirili.
Doch sie vergaß im Jubel ihrer Seele
Des engen Käfigs Zwang,
Und ach! umsonst kräust ihre Kehle
Den jubelnden Gesang.
Sie stieß sich an den Käfigboden,
Stürzt' nieder, zuckt' im Staub.
Nun liegt sie da, gleich einem Toten.
Für alle Töne taub.
Ein fürchterliches Bild für mich:
So flieg ich auf - und so verstumm auch ich.
Die Nachtigall singt auch im Bauer;
Doch nicht so süß, als wär sie frei.
Ihr Lied gluckt fürchterliche Trauer
Und nicht der Freude Melodei.
Ein Bild - o Gott! ein Bild für mich:
Mein Lied tönt auch so fürchterlich!
Girrt die gefangne Turteltaube
Auch freie Lieb und Zärtlichkeit
Wie in der sichern Frühlingslaube,
Die keine Sklaverei entweiht?
Nein, traurig girrt sie, trüb und bang!
Ihr Lied ist Klag, ist Sterbgesang!
Ein Bild - o Gott, ein Bild für mich!
So klag und wein und girr auch ich!
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