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Christian Friedrich Daniel Schubart

Lisel an Michel
(1783)

Mein trauter Michel ist so gut,
  So gut wie er gibt's keinen;
Wenn ihn mein Auge sehen tut,
  So möcht's vor Freuden weinen.

Kein Apfel ist so rot und rund
  Wie sein Gesicht und Wangen;
Wie Rosenblätter ist sein Mund,
  Dran Honigtropfen hangen.

Die Äugelein sind rund und scharf
  Als wie Rebhühneraugen;
Sie könnten, wenn man's sagen darf,
  Des Nachts für Sternlein taugen.

Wer ist so flink und rasch wie er,
  Im Tanzen, Werfen, Springen;
Wer kann im Dorfe trefflicher
  Zum Dudelsacke singen?

Wer ist so launig, so voll Scherz
  Beim Flegel und der Sichel;
Und wer hat ein so gutes Herz
   Als wie mein lieber Michel?

Denkt nur, er ist erst achtzehn Jahr;
  Man sieht's an seinem Kinne,
Am schlanken Wuchs, am weichen Haar
  Und an der hellen Miene.

Weiß wohl, es gibt der Mädels mehr,
  Die meinen Michel lieben;
Drum fällt's mir armen Mädel schwer,
  Die Hochzeit zu verschieben.

Noch heute werd ich seine Frau, 
  So wahr ich Lisel heiße!
Daß nicht ein andres Mädchen schlau 
  Den Michel mir entreiße.


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