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Das Leben des Christian Friedrich Daniel Schubart

Der folgende Text stammt aus der Broschüre Sturm und Drang auf der Ostalb des Deutschen Freidenker-Verbands Ostwürttemberg (DFV e.V.) mit freundlicher Genehmigung des Autors Heiner Jestrabek für dessen Veröffentlichung an dieser Stelle.

Das Zeitalter der Aufklärung in Schwaben

Ende des 18. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Aufklärung, bildete sich auch in unserer Gegend eine Art bürgerliche Opposition heraus. Der Heidenheimer Oberamtmann Fischer berichtete 1790 an seinem fürstlichen Herrn, dass die französische Revolution in allen Gemütern eine gewisse Sensation erregt habe. In Heidenheim seien zehn Zeitungs-Lesegesellschaften gebildet worden, von denen aber keine Unruhe ausgehe. 1794 beschäftigte sich der Geheime Rat in Stuttgart mit einer Anzeige wegen eines oppositionellen "Klubbs" in Heidenheim. Fischer bestritt zwar dessen Vorhandensein, musste jedoch zugeben, es hätten sich unter der Bevölkerung "Gesellschaften" gebildet, die auch ausländische Zeitungen, darunter auch den "Strassburger Weltboten", hielten. Für gefährlich hielt der Oberamtmann den Bürger Jakob Moser, der durch sein "freches Raisonieren" und die Verbreitung seiner "französischen Grundsätze" wohl gefährlich werden könne. Bereits 1787 war er wegen "Unbotmässigkeit" im Zuchthaus gesessen. Man beschloss auf Moser ein strenges Auge zu haben. Ein Mann also, so richtig nach unserem Geschmack! Die geistigen Wegbereiter der republikanischen Ideen finden wir eben in diesen, oft geheimen, Gesellschaften und im Wirken von mutigen Publizisten. Die beiden bedeutendsten deutschen Journalisten dieser Zeit finden wir gleich beide in unserer Gegend wirkend: Wilhelm Ludwig Wekhrlin (1739-1792) und Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791). Anhand von Schubarts Lebenslauf wollen wir einen Blick in die Zeit von vor rund 200 Jahren tun.

Vom Schubart

Schubart, das war ein Volksdichter, Musiker, rebellischer Untertan, "Stürmer und Dränger", mutiger Journalist, Herausgeber der "Deutschen Chronik", prominentestes Opfer politischer Willkür und bekanntester Gefangener des Hohenasperg. Für uns OstwürttembergerInnen war er zudem noch von besonderem Interesse, da sein hauptsächlicher Wirkungsbereich in unserer direkten Umgegend war: Aalen, Nördlingen, Königsbronn mit Heidenheim, Geislingen und Ulm. In Aalen erinnert ein Denkmal und das "Heimat- und Schubartmuseum", in Geislingen das Heimatmuseum an den bekannten Mitbürger.

Vom widersprüchlichen Charakter

Schubart stellt sich für uns sehr widersprüchlich dar. Einerseits verschenkte er einmal sein letztes Geld einem preussischen Soldaten, andererseits schrieb er leidenschaftlich Gedichte und Lieder gegen Krieg und Söldnerdienst; einerseits schrieb er manchem Fürsten Lobgedichte, andererseits war er ein rebellischer Untertan, scharfer Kritiker von Despotismus, Kleinstaaterei und Fürstenwillkür; einerseits war er noch kein Republikaner, andererseits begrüsste er leidenschaftlich die Französische Revolution; einerseits wurde er von den Literaten des Vormärz und der 1848er Revolution kaum beachtet, andererseits dagegen umso mehr von evangelischen Theologen, wie z.B. David Friedrich Strauss, seinem Biographen; einerseits gibt es Zeugnisse für Schubarts reumütige und selbstanklagende Frömmelei, v.a. an einigen Stellen seiner Autobiographie "Leben und Gesinnungen", andererseits war er ein antiklerikaler Vorkämpfer gegen den Fürstbischof von Ellwangen, die Jesuiten, den Dekan Zilling - der ihn sogar exkommunizieren liess - ein regelrechter Freidenker? Einige Widersprüche werden sich lösen lassen.

Von einer Jugend in Aalen

Am 26. März 1739 ist Schubart in Obersontheim geboren. Der Ort war damals die Residenz des Kleinstaats Grafschaft Limpurg (zwischen Hall und Ellwangen gelegen). Aber schon ein Jahr später übersiedelte die Familie nach Aalen, wo sein Vater als "Präzeptor" (ein studierter Lehrer) und Musikdirektor tätig wurde. Über seine nunmehrige Heimatstadt Aalen äusserte sich Schubart in seinen Memoiren: "In dieser Stadt, die verkannt wie die redliche Einfalt, schon viele Jahre im Kochertale genügsame Bürger nährt - Bürger von altdeutscher Sitte, bieder geschäftig, wild und stark wie ihre Eichen, Verächter des Auslands, trotzige Verteidiger ihres Kittels, ihrer Misthaufen und ihrer donnernden Mundart, wurd ich erzogen... Was in Aalen gewöhnlicher Ton ist, scheint in anderen Städten trazischer Aufschrei und am Hofe Raserei zu sein. Von diesen ersten Grundzügen schreibt sich mein derber deutscher Ton..." über seine Schulzeit schrieb er: "In meinen jungen Jahren liess ich wenig Talent blicken, dagegen mehr Hang zur Unreinheit, Unordnung und Trägheit. Ich warf meine Schulbücher in den Bach, schien dumm und trocken, schlief beständig, liess mich schafmässig führen, wohin man wollte, und konnte im 7. Jahre weder lesen noch schreiben. Plötzlich sprang die Rinde... Im 8. Jahr übertraf ich meinen Vater schon am Clavier, sang mit Gefühl, spielte Violin, unterwies meine Brüder in der Musik und setzte im 9. und 10. Jahre Galanterie- und Kirchenstücke auf..."

Vom Studiosus Schubart

Er war also halb Faulpelz, halb Wunderkind. Er war begabt, aber recht mittellos. So blieb ihm, wie damals üblich, kaum etwas anderes übrig als die Theologie. Mit 14 wurde er zur Vorbereitung auf die Universität in ein Lyzeum nach Nördlingen geschickt. Dort berichtete man über ihn, er habe unzüchtige Billets geschrieben, allzu freien Umgang mit Handwerksburschen gepflegt und seine musikalischen Fähigkeiten zur geselligen Unterhaltung missbraucht. Im Umgang mit Fiedlern und Handwerksburschen entstanden seine ersten volksliedhaften Gedichte, z.B. das "Schneiderlied", das sich über das Muckertum lustig machte. Nach drei Jahren Nördlingen kam er nach Nürnberg. Gerade dort angekommen, brach der Siebenjährige Krieg aus. Preussen und Österreich kämpften um die Vorherrschaft im Deutschen Reich. Der Studiosus Schubart schlug sich voll Begeisterung auf die Seite Preussens. Zur selben Zeit wurden auch seine Texte anonym gedruckt und durch ihren gassenhauerischen Ton schnell populär. Nach Nürnberg begann für ihn eine dreijährige Vakanzzeit als Arbeitsloser bei seinem Vater in Aalen. In dieser Zeit half er Landpfarrern beim Predigen aus, die er schon mal gänzlich in Reimen vortrug. Tadelnd wurde bemerkt, dass es ihm auf der Kanzel "an Fleiss, Salbung und ernstem Bibelstudium" mangele. In diesen Jahren war er auch tätig als bezahlter Lohndichter für Lobhudeleien von kirchlichen und weltlichen Grössen, was damals durchaus üblich war. So erhielt er für eine solche Ode auf den Tod des Kaisers Josef I. einen kaiserlichen Poetentitel, "eine Ehre, derer schon manches Rindvieh gewürdiget worden" war, wie Schubart dies später zähneknirschend feststellte.

Vom Hofmeisterdasein im Amt Heidenheim

In der Vakanzzeit verdingte sich Schubart auch als Hofmeister im Blezingerschen Haus zu Königsbronn und kam von dort häufig nach Heidenheim in Gesellschaft. In seiner Autobiographie schrieb er: "Ich genoss in Heidenheim des öftern Umgang mit den dasigen Ehrenmännern; Tonkunst, und helle, frische Laune verschafften mir auch hier überall Eingang. Damals lag das Bouwinghaufsche Husarenregiment im Heidenheimer Amt, wodurch ich Gelegenheit bekam, mit manchem braven Offizier Bekanntschaft zu machen." Heidenheim zählte übrigens damals gerade 1576 Einwohner, davon waren 57 auf der Wanderschaft, beim Landesherren im Kriegsdienst 16, bei fremden (!) Potentaten im Dienst 15, ortsanwesend also: 1488 Einwohner.

Von Grausamkeiten und Aberglauben

Das Zeitalter der Aufklärung war noch keinesweg bis auf die Ostalb gedrungen. Auf dem hinteren Totenberg, der Richtstätte in Heidenheim, wurde am 13. September 1710 der Freidenker Neumeyer wegen Gotteslästerung vom Scharfrichter Widmann enthauptet. Sein Kopf wurde zur Abschreckung auf einen Pfahl gesteckt. Allgemein üblich war damals auch die Folter und grässliche unmenschliche Hinrichtungsmethoden, wie das aufs Rad flechten. Ein Ende fanden die Hinrichtungen auf dem Heidenheimer Galgenberg durch durchziehende französische Revolutionstruppen. Diese beseitigten den Galgen. Zeichnung von Landesgeometer Amman vom Heidenheimer Galgenberg .Geländeplan von 1798. 1735 findet in Nattheim die letzte Hexenhysterie mit "Untersuchungen" statt. 1723 ist Maria Thumm Opfer einer "Teufelsaustreibung" durch den Nattheimer Pfarrer. Auch 1763 findet so eine angebliche Austreibung bei Anna Bader aus Heuchstetten statt. 1766 meldet der Heidenheimer Dekan, in seiner Gemeinde sei es weithin üblich, dass man, wenn jemand von einem tollen Hund gebissen worden sei, zum nächsten katholischen Ort laufe und den sogenannten Hubertusschlüssel hole, mit dem der Gebissene gebrannt werden müsse. Dies sei am 10. August d.J. bei einem Kind aus Aufhausen geschehen. Der Schmied selbst habe aus Waldhausen den Schlüssel geholt, das Kind und in Aufhausen alles, Kinder, Hunde, Vieh und Schweine gebrannt. (Ob's wohl geholfen hat?) 1775 fand in Deutschland die letzte Hexenverbrennung statt. 1776 wurde offiziell die Folter bei Verhören in Württemberg abgeschafft.

Von der Jagd des Herzogs

Die Heidenheimer Umgegend war ein beliebtes Jagdgebiet des Herzogs von Württemberg. Das Schnaitheimer Jagdschlössle und Schloss Hellenstein waren beliebte Aufenthaltsorte der adligen Jäger. Auch Herzog Carl Eugen war ein guter Reiter und der Jagd zu Pferde leidenschaftlich ergeben, mit Vorliebe hetzte er Sauen über Land. Die Heidenheimer Orte hatten dann jeweils starke Belastungen zu tragen und mussten zahlreiche Leute für die Treibjagd stellen. Allein 1769 sollen 18.400 Treiber gebraucht worden sein, um 82 Heidenheimer Wildschweine zu fangen. In neun Jahren soll der Herzog so auch 241 Hirsche erlegt haben. Im Oberamt Heidenheim mussten für die fürstliche Jagd allein 5298 Morgen Land brach liegen gelassen werden. Trotzdem mussten unsere Vorfahren für dieses Land die vollen steuerlichen Abgaben entrichten. 1764 überliess der Herzog Stadt und Amt Heidenheim den Forst gegen ein Darlehen von 25.000 Gulden. Sobald er aber das Geld in Händen hatte, zog er seinen Forst wieder an sich, ohne sich um die Rückzahlung des Geldes zu kümmern.

Von Wildschützen

Besonders ausgebrägt war deshalb auch das Wildschützenwesen in den Wäldern um Heidenheim herum. 1771 wurde beklagt, es gäbe "viele freche Wilderer". Das Wildschützenwesen war für viele Untertanen ein Ausdruck seiner Freiheitshoffnungen und für die Armen häufig die einzige Möglichkeit an Fleisch zu kommen. Auch für die Landwirtschaft brachte der starke Tierbestand immense Schäden, dass man schon einmal zur Selbsthilfe griff. Dieser Zustand hielt an, bis in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Jagdprivilegien der Fürsten abgeschafft wurden. Allein auf dem Königsbronner Gebiet befinden sich drei Gedenksteine für Opfer des bisweilen blutig ausgetragenen Kampfs zwischen Jägern und Wildschützen. Hierzu lohnt ein Ausflug in das sehenswerte Torbogenmuseum in Königsbronn, das mit einem eigenen Jäger- und Wildererraum ausgestattet ist.

Vom Schulmeisterdasein in Geislingen

Schubarts Vakanzzeit hatte 1763 ein Ende, als er nach vielen Mühen eine Stelle als Schulmeister, Organist und Prediger in Geislingen erhielt. Geislingen gehörte damals zur reichsunmittelbaren Stadt Ulm und hatte rund 1500 Einwohner. In Geislingen, wo er seine Frau Helene heiratet und einen Hausstand gründet, muss er täglich mindestens neun Stunden 120 bis 150 Schüler in der deutschen und Lateinschule unterrichten. In der Kirche hatte er Orgel zu spielen und die Musik bei Leichenbegängen zu gestalten. Zur Weihnachtszeit musste er mit seinen Schülern eine Woche von Haus zu Haus herumziehen und betteln (Currendsingen). Jahre später beschrieb er in seiner "Deutschen Chronik", durch eine satirischen Anzeige, wohl seine Geislinger Tage: "Nachricht. Welcher Magister hat Lust Schulmann in - zu werden? - Er muss gut Latein, Griechisch und Hebäisch verstehen; auch etwas Französisch und Italienisch. Im Christentum, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Historie, Geographie, Feldmessen muss er Meister sein. Informieren darf er nicht mehr als Tags 12 Stunden, daneben kann er sich noch mit Privatstunden was verdienen. Da man den Organisten mit ihm ersparen möchte; so wärs gut, wenn er die Orgel spielen, gut geigen und den Zinken [die Posaune] auf dem Turm blasen könnte. Den Geistlichen assistiert er zuweilen im Predigen und Catechisieren. Weil er die Leichen hinausgingen muss, so muss er eine sehr gute Stimme haben. Seine Besoldung besteht aus 100 Gulden an Geld, etwas Naturalien, freie Wohnung, 6 Ellen Krautland, freie Eichelmast und einee Mistststätte vor seinem Haus. Den Rang hat er gleich nach dem Burgerstädtmeister, der gegenwärtig ein Gerber ist; ausser dem solls den Buben nicht erlaubt sein, ihn mit Erbsen zu schiessen. Es wäre dem Magistrat sehr lieb, wenn der Kandidat ledig wäre. Der Vorfahr im Amt hat eine sehr häusliche und gottesfürchtige Witwe hinterlassen. Sie ist zwar schon eine Funfzgerin; kann aber doch noch lange leben." (79. Stück vom 2. Okt. 1775).

Vom Schulwesen in Württemberg

Im evangelischen Württemberg wurden nach 1649 die Volksschulen, mit allgemeiner Schulpflicht, eingeführt. Die Schulmeister waren nur die Bediensteten des Pfarrers, wenig geachtet und mit einem Hungerlohn ausgestattet. Die Schulen unterstanden der evangelischen Kirche. Noch heute ist die württembergische evangelische Kirche besonders stolz auf diese schulische Pionierleistung. Aber wie sah diese Erziehung aus? Der Fächerkanon umfasste, nach der für Württemberg gültigen Schulordnung von 1729, in erster Linie das Memorieren von Bibelsprüchen, Gesangbuchliedern, Katechismusstücken und Gebeten. Im Jahr 1800 waren trotz Schulpflicht immer noch 80 % (!) der Bevölkerung Analphabeten. Die Schule diente also nur nebenbei der Wissensvermittlung. Ihr Hauptziel war vielmehr die Erziehung zu gehorsamen Untertanen. Erst nach der Revolution von 1848/49 gelang es den Religionsunterricht auf 6 bis 7 Stunden wöchentlich zu verkürzen. Erst ab dieser Zeit konnte vermehrt Naturwissenschaft und wirkliche Bildung vermittelt werden.

Schubart fühlte sich von seinen geistlichen Herren, den Ortspfarrern, arg beengt. Er nannte sich selbst damals "den Sklaven zweier tyrannischer Pfaffen". In der Schule, und das wurde ihm übel genommen, verwendete der Lehrer Schubart bisweilen zwei Stilübungen:

"Es ist schon recht; es ist schon recht, Also sprach der Pfaffenknecht." und "Du Hauptmann von Kapernaum, Schlag diesen Pfaffen lahm und krumm, Und schlägst du ihm die Rippen ein, So sollst du Oberstleutnant sein."

Die Konflikte mit den Theologen haben Schubart nicht mehr losgelassen. In seiner Autobiographie schrieb er: "Es war überhaupt von mir die sträflichste Unklugheit, dass ich mich, aus einem gewissen inneren Widerwillen, nie mit der Geistlichkeit vertragen wollte. Ich bedachte nicht, dass sie fast überall, zum Teil auch in protestantischen Landen, eine furchtbare Kette bilden; man darf nur ein Glied im Zorn entzünden: so glühen gemeiniglich die übrigen Glieder der grossen Kette alle." Interessant sind auch Schubarts selbstverfasste Texte für den Unterricht. Eine Fabel über einen Schulmeister und ein Anti-Kriegs-Gedicht:

"In Africa ist ein Tier mit Namen Plimpplamp, von ganz wunderbarer Art. Es hat keine Galle, keinen Magen und doch einen vortrefflichen Tier-Verstand. Es arbeitet von Morgen bis zum Abend und reiniget den Wald von allem Kote, den die jungen Bestien schmeissen. Wann es nun genug gearbeitet hat, so riecht es dreimal in den Wind, und lebt also würklich von der Luft. Es ist so geduldig, dass es sich ganz gelassen von allen wilden Tieren ins Gesicht pissen lässt. Es ist immer hungrig und frisst doch nichts; immer durstig und trinkt doch nichts; es arbeitet beständig und hat Dreck zum Lohne. Es hat ein gutes Gesicht und sieht doch nichts; einen scharfen Geruch und riecht doch nichts. Es ist im ganzen Wald das nützlichste Tier und wird doch von den andern Tieren für das schlechteste gehalten. Dieses arme Tier hat in seinem ganzen Leben nur einen einzigen glücklichen Tag, nämlich den Tag - wann es verreckt. Was muss das doch für ein Tier sein? Hm! Was sonst als ein verwandelter Schulmeister, wenigstens sind unsre Schulmeister die Moral zu dieser Fabel."

"Schiessen möcht ich hören, wann die Kugel noch Leberknöpflen wären: gäb es doch kein Loch. Säbel sind ein Wurst. Mit Bratwürsten hauen Das ist meine Lust. Solche Krieg sind schöner Die ergötzen uns Nun ich bin Dein Diener ...Michel Blunz."

Schubarts sechs Geislinger Jahre, gekennzeichnet von der geistiger Enge einer damaligen Provinzkleinstadt, endeten mit seiner Anstellung als Musikus am Hof des Württembergischen Herzogs in Ludwigsburg. über Geislingen schrieb er zum Abschied, "dass ich seithero ein armseliges Einkommen gehabt habe und mich kaum vor Schulden bewahren konnte".

Vom Musikus in der Residenz

Schubarts weltlicher Lebensstil in Ludwigsburg, beschrieben durch "Brauskopf und gewaltiger Trinker, Spassvogel und genialer Unterhalter", dazwischen wieder Liebschaften und ständiger Konflikt mit seinem Dekan Zilling, der ihn sogar wegen einer Satire "auf eine Standesperson" exkommunizieren liess und ihm somit das Orgelspielen unmöglich machte, führten schliesslich zu seiner Entfernung aus Ludwigsburg. 1773 wurde er seines Postens enthoben, durch den herzoglichen Erlass "dahero dem Schubart hie von die Eröffnung zu tun, mit dem Bedeuten, sich aus Unsern Herzoglichen Landen unfehlbar zu entfernen".

Vom Kirchenleben in Württemberg

Die Untertanen konnten ihre Religion nicht frei wählen. Der Landesherr bestimmte selbstherrlich über das religöse Bekenntniss seiner Untertanen und hatte die Leitung der evangelischen Landeskirche in Württemberg inne.

1644 wurden in Württemberg "Kirchenkonvente" eingeführt. Initiator dieser theologischen Spezialität war der Calwer Dekan Johann Valentin Andreae. Es waren dies örtliche Sittengerichte unter dem Vorsitz des Ortspfarrers. Diese Kirchenkonvente, die erst 1891 offiziell abgeschafft wurden, verhandelten und bestraften die Verfehlungen der Untertanen, wie z.B. Kirchensäumigkeit, Fluchen, Sonntagsarbeit, Zaubern, Trinken, Raufhändel und das "Zusammenschlupfen" unverheirateter Paare. Bestraft wurden auch ledige Mütter und Kindsgeburten vor dem neunten Monat nach Eheschluss. Die Strafen konnten recht drakonisch sein: Geldstrafen, Einsitzen und Prangerstehen mit entsprechenden Schandmasken. (Ein recht lebendiges Bild hiervon bietet sich den Besuchern des sehenswerten Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.Tauber). Am Sonntag und an Feiertagen herrschte Teilnahmepflicht beim Gottesdienst. Streng beachtet wurde auch das Gebot zur Sonntagsruhe: keine Fuhrwerke, Wirtschaftsbesuche, Tanzen und Spielen, Lärmen und Erledigungen. Umgänger kontrollierten während der Gottesdienste die Häuser. Hierzu musste sogar die Hausschlüssel deponiert werden. Büttel beaufsichtigten in der Kirche die Gläubigen und schauten streng nach Schläfern und Schwätzern. Geregelt war dies in den Verordnungen der Württembergischen Landeskirche von 1654, die alle zwanzig bis dreissig Jahre erneuert wurden, bis 1844. Eine folgenreiche Verordnung war auch das "Generalrescript" von 1781 gegen die "Übelhäuser". Jeder, der seine Landwirtschaft schlecht betrieb oder sein Haus "verludern" liess, konnte enteignet werden (!). Die Verhandlung hierzu fand vor dem Kirchenkonvent statt. Gezielt wurde das Einander-Beobachten und Verpetzen gefördert, denn der Petzer erhielt das "Anbringdrittel", ein Drittel der entsprechenden Geldstrafe oder des enteigneten Besitzes. Keiner traute sich nunmehr, seine Wirtschaft zu vernachlässigen. Nach aussen hin musste man so tun, als ob man niemals müssiggängig wäre und immer schwer schaffig sei. Überbleibsel dieser "Landessitten" sind heute noch die übertriebene Putzsucht und die Institution der Kehrwoche bei den Schwaben. Eine treffende Beschreibung dieser Zeit gelang Hermann Kurz in seinem dokumentarischen Roman "Der Sonnenwirt". Das Schicksal des "edlen Räubers" Friedrich Schwan, des Sonnenwirtle von Ebersbach, beschreibt anschaulich die Scheinheiligkeit und Niedertracht dieser Kirchenkonvente im Württemberg jener Zeit.

Vom Auernheimer Aufstand

In den katholischen Gebieten war das geistige Leben nicht weniger beengt. Die recht wirksame Methode der Ohrenbeichte ermöglichte der Obrigkeit, die Untertanen gut im Zaum zu halten. Dennoch kam es auch hier zu offener Rebellion. Stadt und Kloster Neresheim um 1790 Auernheim war 1764 von Oettingen an das Kloster Neresheim abgetreten worden. 1777 erhoben sich die Untertanen zur offenen Rebellion, dem "Auernheimer Aufstand". Gerade zu dieser Zeit, als der Bau der weltberühmten Neresheimer Abtei kurz vor seiner Vollendung stand, wollte der Abt Benedikt Maria Angehrn die imensen Baukosten durch vermehrte Ausbeutung seiner Untertanen auffangen. Der Abt macht nun Anordnungen "zur Anrichtung einer besseren Wirtschaft der Gemeinde". Die Auernheimer aber argwöhnten darin Anschläge, ihnen das Ihrige zu entziehen. Die Unzufriedenen kamen in einem Haus, dass Württemberg gült- und vogtbar war, zusammen, erklärten den klösterlichen Schultheissen und Bürgermeister für abgesetzt und stellten aus ihrer Mitte zwei Bürgermeister auf. Ausserdem drohten sie, einen anderen Schutzherren, den von Oettingen-Wallerstein, zu suchen. Es wurde sogar beim Reichskammergericht geklagt. Der Spruch, dass "unterm Krummstab gut leben wäre", galt für die Auernheimer nicht. Es kam zu einer militärischen Besatzung, fortgesetzten Strafen, Gefängniss- und Zuchthausstrafen für die berechtigten Empörer. An die Auernheimer Rebellen und alle Neresheimer Untertanen, die ja diesen Prachtbau finanziert hatten, sollte auch gedacht werden, wenn man die bekannte Abtei, mit den Künsten des Balthasar Neumann und Martin Kneller, besichtigt.

Vom Reiseleben

Nach Schubarts unrühmlichem Abschied aus Ludwigsburg, begann für ihn ein langjähriges Reiseleben durch ganz Süddeutschland. In Mannheim legte er sich mit den Jesuiten an: "Ich machte gewaltige Ausfälle gegen diese schwarzen Gesellen, die aber solcher papierernen Blitze nicht achteten und mich dagegen mit bitterem Grimme verfolgten." In München blieb er einige Zeit und wäre beinahe aus beruflichen Gründen katholisch geworden. Die Auskünfte aus Stuttgart über ihn aber, brachten das vernichtende Urteil, "dass ich keinen heiligen Geist glaubte und vorzüglich deswegen das Württembergische habe räumen müssen." So wurde er auch in München verabschiedet.

Von der Deutschen Chronik

Schliesslich wurde er in Augsburg Journalist. Am 31. März 1774 erschien die erste Ausgabe seiner "Deutschen Chronik", einer Zeitschrift, die "um einen billigen Preis, auf jedem Postamte in Deutschland gekauft werden konnte". Die "Deutsche Chronik" war ein volkstümliches Blatt, das sich mit politischen Fragen befasste und literarische, pädagogische und poetische Beiträge brachte. Die Chronik war ausserordentlich erfolgreich und bald das wichtigste puplizistische Organ der bürgerlichen Opposition im ganzen Deutschen Reich. Schubart war jetzt 35 Jahre alt und hatte endlich einen Beruf, der Dauer und Einkommen versprach. 1775 wurden 1600 Exemplare verkauft. Da die Chronik viel herumgereicht wurde, hatte sie bis zu 20.000 Leser. Nach nur fünf Wochen wurde der Druck in Augsburg untersagt und musste nach Ulm verlegt werden. Die katholische Partei in Augsburg sah in Schubart ihren Hauptfeind. So wurde Schubarts Schlafzimmer mit einem Steinhagel bedacht, vor dem er nur unter seinem Bett Schutz fand. Besonders intensiv legte sich die Chronik mit dem Orden der Jesuiten an. Diese verbrannten sogar ein Spottgedicht des antiklerikalen Schubart öffentlich. Schubart schrieb in der Chronik: "den Geist dieses Ordens, der sich wie epidemischer Hauch im Finstern oder am hellen Mittage verderbend in einem Staat verbreitet". Und "Die Zahl der Freunde und Verteidiger des Jesuitenordens vermindert sich täglich. Die Partei der Grossen und der Verständigen ist gegen sie. Dass hier und da katholischer Pöbel noch ein Seufzerlein für sie gen Himmel schickt, machts nicht aus. Die Welt sieht nun einstimmig ein, dass die Verdienste dieses Ordens nicht so gross gewesen, als man anfangs glaubte. Die Katholischen machen nun die herrlichsten Erziehungsanstalten ohne Beistand der Jesuiten, und wir Protestanten haben schon längst in allen Teilen der Wissenschaften Meister aufzuweisen, ohne unsere Weisheit aus den Schulen oder Schriften der Jesuiten geholt zu haben. In der Mathematik und Physik hatten sie einige sehr gute und brauchbare Männer, in allen andern Wissenschaften aber würd' es schädlich sein, ihre Grundsätze fortzupflanzen. Ihre Theologie ist ein weitläuftiges, scholastisches Gewirre, das das Herz nicht bessert und den Verstand mit unnützen Subtilitäten anfüllt. Ihre Methode, die Philosophie zu lehren , ist steif und unnütze. Schwimmt auch hier und dar eine grosse Leibnizsche Idee in ihren Systemen; so ersticken sies wieder in ihrem eignen Wuste. Ihre Moral ist verderblich und dem Staate nachteilig und in den schönen Wissenschaften haben sie kaum etwas mehr getan - als gelallt." (Aus dem 14. Stück vom 16. Februar)

Vom Scharlatan in Ellwangen

Angehörige der Jesuiten waren auch in die Affäre Gassner verwickelt. Der katholische Pfarrer Gassner hatte sich mit Wunderheilungen und Teufelsaustreibungen einen Namen gemacht. Beim Fürstbischof von Ellwangen gelang es ihm, die geistige Residenz zu einer lukrativen Wallfahrtsstätte auszubauen. Schubart schrieb:

er Pfarrer Gassner zu Klösterle fährt fort, den dummen Schwabenpöbel zu blenden. Er heilt Höcker, Kröpfe. Epilepsien - nicht durch Arzneien, sondern bloss durch Handauflegen seiner hohepriesterlichen Hand. Kürzlich hat er ein herrliches Buch herausgegeben, wie man dem Teufel widerstehen soll, wenn er in Menschen und Häusern rumort. Und da gibt's noch tausend Menschen um mich her, die an diese Narrheiten glauben. - Heiliger Sokrates, erbarme dich meiner! Wann hören wir doch einmal auf, Schwabenstreiche zu machen!"

Schubart erntete einen Schwall von Schmähschriften und eine Hausdurchsuchung, sowie eine Arretierung und musste schliesslich die Stadt Augsburg verlassen.

Von der Chronik in Ulm

Im Januar 1775 zog Schubart mit seiner Chronik nach Ulm um. Die Chronik entwickelte sich jetzt erst richtig. Die meisten Beiträge der wichtigsten deutschen Oppositionszeitschrift schrieb Schubart selbst. Er vertrat darin einen Patriotismus, der gerichtet war gegen die über 300 deutschen Länder mit Landesgrenzen und Zöllen und gegen die Selbstherrlichkeit der Landesherren. Sein Partiotismus zielte auf eine Wiederbelebung des Reichsgedankens und gegen die teuren Hofhaltungen der Kleinfürsten. Er machte sich auch Illusionen über die politische und moralische Kraft Preussens. Von hier aus könnte es Impulse für eine Einigung des Vaterlandes geben. Politische Sympathien hatte Schubart für die Schweiz und den Freiheitskampf der amerikanischen Kolonien. Ein entschiedener Republikaner war er noch nicht. Er hoffte noch auf "aufgeklärte" und "milde" Fürsten. Die Französische Revolution begrüsste er später und besonders die Staatsform der 1791 eingeführten konstitutionellen Monarchie. Schubarts Partiotismus hatte vor allem aber auch eine soziale Komponente. Es ging ihm um die Emanzipation der unteren Stände, die die Fürsten verhinderten um sich weiter ihr luxuriöses Leben erhalten zu können. In Ulm fühlte sich Schubart sichtlich wohl. Der wachsende Erfolg der Chronik sicherte ihm ein Einkommen. Er hatte vielfältige Kontakte und auch kleinere Reibereien mit den Autoritäten der Stadt. Davon zeugt sein Epigramm:

"Befehl einer schwäbischen Reichsstadt: Kund und zu wissen ist: Ihr Bürger, macht die Strassen rein Von allem Kot und Mist; Sonst legt der Magistrat sich drein!"

Die Chronik fand Verbreitung bis nach London, Paris, Amsterdam und Petersburg. In dieser Zeit entstand auch Schubarts Erzählung "Zur Geschichte des menschlichen Herzens", das Schiller die Fabel für sein späteres Drama "Die Räuber" lieferte. Er gab als Musiker Konzerte und sogar die Zensur war ihm wohlgesonnen wie nie zuvor. Er machte sich aber auch viele Feinde. über den württembergischen Herzog schrieb er:
"Ihr Herzog ist hier durchpassiert und war ungemein gnädig. Er hat einen hiesigen Patriziersohn in die Sklavenplantage [die Hohe Carlsschule, wo auch Schiller dressiert werden sollte] aufgenommen. Seine Donna Schmergalina [seine Mätresse Franziska von Hohenheim] sass neben ihm wie Mariane an Achmets Seite. Aller Fürstenglanz ist in meinen Augen nicht mehr als - das Glimmen einer Lichtputze - es glimmt und stinkt."
Dies erregte natürlich des Herzogs Grimm.

Vom Märtyrertod des Freigeistes Nickel

Auch mit seinen alten Widersachern, den Jesuiten gab's Ärger. Ein Vorfall sollte die Brutalität und Gefährlichkeit dieser Klerikalen zeigen. Knapp ausserhalb der Ulmer Stadtmauern, in Wiblingen, wurde Josef Nickel, ein entlaufener Jesuitenschüler, der sich zu den Schriften Wielands, Lessings und Votaires bekannt hatte, gegen den Pater Gassner redete und offen für Schubart eintrat, unter dem Vorwurf der Ketzerei verhaftet, zum Tode verurteilt und "im Jahr des Heils 1776, am ersten Juni, Morgens 8 Uhr" geköpft. Schubart, der ihm einen Roman geliehen hatte, wurde beschuldigt, der Verursacher der "Religionsbeschimpfung und Gotteslästerei" Nickels gewesen zu sein. "Dieser Zufall kerkerte mich gleichsam in Ulm ein, weil mir ein gleiches Schicksal drohte".

Von Wundern in Ellwangen

Eine Reise nach Ellwangen und Aalen musste Schubart deshalb unter falschem Namen antreten. Der Fürstprobst von Ellwangen machte noch immer die besten Geschäfte mit Wallfahrten und den Wunderheilungen des berüchtigten Pater Gassner. Schubart berichtet: "Die Strasse von Aalen nach Ellwangen wimmelte eben damals von elenden Pilgrimen, welche bei Gassnern Hilfe suchten. Das tausendfältige Elend von zehn, zwanzig, dreissig Meilen in die Länge und Breite schien in dieser Gegend zusammengedrängt zu sein. Alle Herbergen, Ställe, Schafhäuser, Zäune und Hecken lagen voll von Blinden, Tauben, Lahmen, Krüppeln, von Epilepsie, Schlagflüssen, Gicht und anderen Zufällen jämmerlich zugerichteten Menschen. Was Krebs, Eiter, Grind und Krätze Ekelhaftes, Abscheuliches, Entsetzliches hat, - selbst was die Seele drückt und entmannt - Schwermut, Wahnsinn, Tollheit, stille Wut, Raserei, teuflische Anfechtungen - war hier in Aalen und auf dem Wege nach Ellwangen an Krücken, an Stecken, auf Eseln, Pferden, Karren, in Tragtüchern, auf Reffen und Bahren in einer schrecklichen Gruppe zusammengedrängt zu sehen. 0, dachte ich, Gassner, wenn du all diesem Jammer abhilfst, all dies Elend im Namen Jesu wegsprichst, so will ich auf den Knien zu dir kriechen und dir meinen Unglauben mit gefalteten Händen abbitten. Aber leider! kamen diese Elenden noch elender zurück; denn da sie auf der Reise nicht selten all ihre Habe verzehrt hatten, so mussten sie nun betteln und zum Teil auf der Strasse zu Grunde gehen." Ironie des Schicksals: Noch heute ist Ellwangen offizieller katholischer Wallfahrtsort für Kranke, die sich dort Wunderheilungen versprechen!

Von der Unschädlichmachung eines Freigeistes

Der unbequeme Journalist Schubart sollte unschädlich gemacht werden. Und es begann ein Komplott mit der herzoglichen Order vom 18. Januar 1777: "An den Kloster-Oberamtmann Scholl in Blaubeuren (nahe Ulm) ergangen. Sie wurde eingeleitet mit dem Hinweis, dass der -gewesene Stadtorganist Schubart teils um seiner schlechten und ärgerlichen Aufführung willen, teils wegen seiner sehr bösen und sogar Gotteslästerlichen Schreibart auf untertänigsten Antrag des Herzoglichen Geheimen Rats und Consistorii seines Amtes entsetzt und von dort weggejagt worden ... Dieser sich nunmehro zu Ulm aufhaltende Mann fährt bekanntermassen in seinem Geleise fort, und hat es bereits in der Unverschämtheit so weit gebracht, dass fast kein gekröntes Haupt und kein Fürst auf dem Erdboden ist, so nicht von ihm in seinen herausgegebenen Schriften auf das freventlichste angetastet worden, weiches Se.Herzogl.Durchlt. schon seit geraumer Zeit auf den Entschluss gebracht, dessen habhaft zu werden, um durch sichere Verwahrung seiner Person die menschliche Gesellschaft von diesem unwürdigen und ansteckenden Gliede zu reinigen. Sich dieserwegen an den Magistrat zu wenden, halten Höchstdielbe für zu weitläufig und dürfte vielleicht den vorgesetzten Endzweck gänzlich verfehlen machen; wohingegen solcher am besten dadurch zu erreichen wäre, wenn Schubart unter einem scheinbaren oder seinen Sitten und Leidenschaften anpassendem Vorwande auf unstreitig Herzogl. Württembergischen Grund und Boden gelockt und daselbst dort gefänglich niedergeworfen werden könnte."

Die von langer Hand vorbereitete Intrige, auf Geheiss Herzog Karl Eugens und die, als wahrscheinlich geltende, Mitwirkung der Jesuiten bei der Denunziation und Verhaftung, lockte Schubart unter einem Vorwand nach Blaubeuren ins Württembergische. Dort wurde er verhaftet und zum Hohenasperg geschafft. So begann seine über zehn Jahre dauernde Zeit auf dem Asperg, ohne Anklage, ohne Prozess. der mutige Schubart sollte mundtot gemacht werden und dies sollte zu Abschreckung für alle Freigeister im Land dienen. Schubarts Haft begann zunächst mit 377 Tagen Totalisolation. Karl Eugen hielt Schubart für eine Art "deutschen Votaire" und wollte an ihm ein Exempel statuieren: seine Freigeisterei unter allen Umständen austreiben, um den Widerstandswillen seines Volks zu brechen. Er bediente sich hierzu eines pädagogischen Experiments: Schubart sollte zu einem frommen und kirchentreuen Untertanen umerzogen werden. Ein so gewandelter Schubart sollte wohl mehr nützen, als ein hingerichteter Freiheitsmärtyrer.

Von der religiösen Gehirnwäsche

Die Umerziehung wurde eingeleitet von dem brutalen Festungskommandanten Oberst Rieger und einem alten Bekannten, Schubarts Ludwigsburger Widersacher, Dekan Zilling. Diese beiden Leuteschinder führten einen bezeichnenden Briefwechsel über die Frage, wann und wie der Sünder wieder an Tröstungen der heiligen Religion herangeführt werden sollte. Der sich als geistiger Beistand tarnende religöse Drill muss einer Gehirnwäsche gleichgekommen sein. Schubart wurde zermürbt und verfiel in grässliche Reueschwüre und Selbstanklagen. Er litt an Depressionen und kam sogar so weit, Gott für die Gefängnishaft, als Chance zur Einkehr, zu danken. Vieles davon drückt sich in Schubarts später geschriebenen Lebenserinnerungen aus, die voll von deprimierenden Selbstanklagen und Selbstzweifeln sind. Schubart war schliesslich weitgehend isoliert und zermürbt. Jahrelang durfte ihn noch nicht einmal seine Frau besuchen. Wer wollte ihm da seine Schwäche vorwerfen? Von der Fürstengruft 1780 hoffte Schubart auf die Zusage zu seiner Entlassung, wurde aber enttäuscht. Seine trotzige Reaktion war das gleichnamige Gedicht. Zur gleichen Zeit ging das Gerücht um, Schubart könnte nach seiner Entlassung Lehrer an der Carlschule werden. Nach der Aufhebung des Schreibverbots schrieb Schubart über dieses Ansinnen seiner Frau:

7. Januar 1781: "Im übrigen dank ich Gott, dass ich nicht in die Akademie komme. Dieser Posten hat für mein Temperament und jetzigen Grundsätzen so viel Widerliches, dass ich meinen Ekel nicht beschreiben kann. Ich taug in keine Sklavenfabrik. Lieber als Dorfschulmeister für's Reich Jesu arbeiten als mit dem Titel eines Professors Sklav sein und Sklaven machen. Unterwürfigkeit werd' ich mir überall gefallen lassen, und das hab' ich gewiss in meiner vierjährigen Gefangenschaft gelernt, aber meinem Geist Fesseln anlegen lassen und selbst Geister in Ketten legen helfen, dafür behüt mich, lieber Herre Gott!"

Dieser Brief und die schnell populär gewordene "Fürstengruft" klangen natürlich ganz anders, als die Bekenntnisse eines reuigen Sünders. Schubart hatte sich wohl wieder gefangen und seine Peiniger genarrt. Die Nachwelt mag sich selbst darüber ein Urteil bilden, ob Isolationshaft und religiöse Gehirnwäsche bei Schubart nachhaltig gewirkt hatten, oder ob er sie nicht alle an der Nase herumgeführt hatte.

Vom Söldnerhandel und Kapregiment

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs die Zahl der als Söldner verkauften Landeskinder erheblich an. 30.000 arme Schlucker, hauptsächlich aus Hessen, dienten für England in den amerikanischen Kolonialkriegen. Nur knapp die Hälfte kehrte wieder zurück. Der württembergische Herzog Karl Eugen hatte bereits 1757, ohne Einverständnis der Landesstände, 6000 Württemberger gegen drei Millionen Gulden an Frankreich, für den Kampf gegen Preussen, abgetreten. Das Land sah mit grosser Abneigung diese Kriegsspielereien des Herzogs und es ging bei den Truppen die Losung um: Nach Böhmen bringt Er uns nicht!" Die württembergischen Soldaten rebellierten und desertierten. Der Herzog liess darauf 16 Landeskinder standrechtlich erschiessen. Jetzt liess er eine Truppe von 2000 Mann für die Ostindische Kopagnie ausheben, zum Schutz derer wirtschaftlichen Interessen. Dieses "Kapregiment" diente 24 Jahre. Für Nachwuchs wurde gesorgt. Karl Eugen erhielt dafür über 400.000 Gulden. Die Truppen waren zwar offiziell Freiwillige, insgeheim hatte man aber ganze Dörfer umstellt und die jungen Burschen einfach zur Unterschrift gezwungen. Aus dem Amt Heidenheim kamen insgesamt 58 Rekrutierte nach Übersee. 44 von ihnen starben auf See, am Kap von Südafrika oder in Niederländisch-Indien. Von den insgesamt 3200 Württembergern kamen 2300 ums Leben, nur knapp 100 (!) sahen die Heimat wieder. Da die Mannschaft des Kapregiments zeitweilig auf dem Asperg stationiert waren, schrieb der Gefangene Schubart: 22. Februar 1787: "Künftigen Montag geht das aufs Vorgebirg der guten Hoffnung bestimmte württembergische Regiment ab. Der Abzug wird einem Leichenkondukte gleichen, denn Eltern, Ehemänner, Liebhaber, Geschwister, Brüder, Freunde verlieren ihre Söhne, Weiber Liebchen, Brüder, Freunde - wahrscheinlich auf immer. Ich hab ein paar Klagelieder auf diese Gelegenheit verfertigt um Trost und Mut in manches zagende Herz auszugiessen. Der Zweck der Dichtkunst ist, nicht mit Geniezügen zu prahlen, sondern ihre himmlische Kraft zum Besten der Menschheit zu gebrauchen." Das "Kaplied" und das Gedicht "Für den Trupp" wurden in einer Broschüre gedruckt und fanden ungeheure Verbreitung. Dazu vertonte Schubart die Verse. Schiller besucht Schubart auf dem Hohenasperg

Von der wiedergewonnen Freiheit

Schiller war 1782 aus Württemberg geflohen und Schubart war inszwischen zu einer Legende geworden. Die ungeheure Wirkung und Verbreitung der "Fürstengruft", sowie die Tatsache, dass Schubart unrechtmässig inhaftiert war, hatten ihn im ganzen Deutschen Reich bekannt gemacht. überall wurden seine Gedichte gedruckt, sogar legal in Württemberg. Für den Herzog war dies sogar ein Geschäft, denn für die Werke Schubarts strich er 2000 Gulden ein und überliess dem Autor nur 1000 Gulden von den Einnahmen. Zahlreiche Prominente setzten sich für die Freilassung Schubarts ein: Lavater, Goethe, Campe, der Markgraf von Baden und mehrere Prinzen deutscher Herrscherhäuser. Am 11. Mai 1787, nach zehn Jahren und vier Monaten, wurde Schubart aus der Haft entlassen. Er erhielt sogar als Gnadenbrot eine Stelle als Stuttgarter Hofpoet, Musik- und Theaterdirektor. Ein Staatsfeind im Staatsdienst war wohl weniger gefährlich als ein emigrierter politischer Journalist. Der inzwischen 48jährige Schubart war indess froh erstmal einen Beruf zu haben. Er genoss die wiedergewonnene Freiheit und reiste in einem Triumpfzug durch die Orte seines Wirkens: Geislingen, Ulm, Aalen.

Vom unbeugsamen Schubart

Sechs Wochen nach seiner Entlassung erschien auch wieder seine Zeitung, jetzt als "Vaterländische Chronik", später als "Vaterlandchronik", dann ab 1790 nur noch als "Chronik". Bereits die erste Nummer machte ihm Schwierigkeiten, wie könne es auch anders sein? In den vier Jahren, die Schubart noch verblieben, brachten seine kritischen Berichte unentwegt Proteste der Regierungen von Dänemark, Österreich, Preussen, Sachsen usw. 1788 wurde die Chronik in Pfalzbayern verboten, betrieben von katholischen Fanatikern. Schubart schrieb wütend an seinen Bruder: "Der abscheuliche Bigott Zoglio, ein stinkendes Exkrement Ihro päpstlichen Heiligkeit (d.i. der päpstliche Nuntius), hat dieses Verbot veranlasst." Wenn die Chronik auch nicht mehr ganz an die Schärfe der Vor-Asperg-Zeit heranreichte, so blieb sie dennoch ein hervorragendes Blatt. Die Auflage stieg ständig. Begeistert begrüsste Schubart darin den Ausbruch der Französischen Revolution. Nach dem Zeugnis seines Sohns, söhnte Schubart sich mit dem Beginn der Revolution wieder mit den Franzosen aus, die er oft genug angegriffen hatte, "und blieb der Sache der Freiheit, unter allen Stürmen und Umschlägen, unerschütterlich treu". In seinen letzten Lebensjahren, als Stuttgarter Schauspiel- und Operndirektor, konnte Schubart, obwohl gesundheitlich schon schwer angeschlagen, viel Nützliches vollbringen. Auf sein Wirken führte man um 1800 zurück, dass Schulmeister und Organisten in Württemberg respektable Kenntnisse im Instrumentenspiel und in zeitgenössischer Musik besassen. Unter seiner Theaterdirektion ging auch erstmals 1788 eine Mozart-Oper über die Stuttgarter Bühne, obwohl der damalige Kapellmeister Agostino Poli als entschiedener Mozart-Gegner galt. "Die Hochzeit des Figaro" war zudem ja gerade das beste zeitgenössische Bühnenwerk mit überdeutlicher antifeudaler Tendenz und Satire. Zudem erschienen mehrere Werke und Liedsammlungen Schubarts. Schubart, gesundheitlich geschwächt durch seine lange Haftzeit, seelisch arg in Mitleidenschaft gezogen, unter Melancholie und Depressionen leidend, allesamt Folgen von Gehirnwäsche und Haft, - aber dennoch als unbgebeugter bürgerlicher Rebell - starb am 10. Oktober 1791 an "Schleimfieber", im Alter von nur 52 Jahren. Begraben wurde er auf dem Hoppenlau-Friedhof in Stuttgart.


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