Das Leben des Christian Friedrich Daniel Schubart
Der folgende Text stammt aus der Broschüre Sturm und Drang auf der
Ostalb des Deutschen Freidenker-Verbands Ostwürttemberg (DFV e.V.)
mit freundlicher Genehmigung des Autors Heiner Jestrabek für dessen
Veröffentlichung an dieser Stelle.
Das Zeitalter der Aufklärung in Schwaben
Ende des 18. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Aufklärung,
bildete sich auch in unserer Gegend eine Art bürgerliche
Opposition heraus. Der Heidenheimer Oberamtmann Fischer berichtete
1790 an seinem fürstlichen Herrn, dass die französische
Revolution in allen Gemütern eine gewisse Sensation erregt
habe. In Heidenheim seien zehn Zeitungs-Lesegesellschaften gebildet
worden, von denen aber keine Unruhe ausgehe. 1794 beschäftigte
sich der Geheime Rat in Stuttgart mit einer Anzeige wegen eines
oppositionellen "Klubbs" in Heidenheim. Fischer bestritt zwar
dessen Vorhandensein, musste jedoch zugeben, es hätten
sich unter der Bevölkerung "Gesellschaften" gebildet, die
auch ausländische Zeitungen, darunter auch den "Strassburger
Weltboten", hielten. Für gefährlich hielt der Oberamtmann
den Bürger Jakob Moser, der durch sein "freches Raisonieren"
und die Verbreitung seiner "französischen Grundsätze"
wohl gefährlich werden könne. Bereits 1787 war er
wegen "Unbotmässigkeit" im Zuchthaus gesessen. Man beschloss
auf Moser ein strenges Auge zu haben. Ein Mann also, so richtig
nach unserem Geschmack! Die geistigen Wegbereiter der republikanischen
Ideen finden wir eben in diesen, oft geheimen, Gesellschaften
und im Wirken von mutigen Publizisten. Die beiden bedeutendsten
deutschen Journalisten dieser Zeit finden wir gleich beide in
unserer Gegend wirkend: Wilhelm Ludwig Wekhrlin (1739-1792)
und Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791). Anhand
von Schubarts Lebenslauf wollen wir einen Blick in die Zeit
von vor rund 200 Jahren tun.
Vom Schubart
Schubart, das war ein Volksdichter, Musiker, rebellischer Untertan,
"Stürmer und Dränger", mutiger Journalist, Herausgeber
der "Deutschen Chronik", prominentestes Opfer politischer Willkür
und bekanntester Gefangener des Hohenasperg. Für uns
OstwürttembergerInnen
war er zudem noch von besonderem Interesse, da sein hauptsächlicher
Wirkungsbereich in unserer direkten Umgegend war: Aalen, Nördlingen,
Königsbronn mit Heidenheim, Geislingen und Ulm. In Aalen
erinnert ein Denkmal und das "Heimat- und Schubartmuseum", in
Geislingen das Heimatmuseum an den bekannten Mitbürger.
Vom widersprüchlichen Charakter
Schubart stellt sich für uns sehr widersprüchlich
dar. Einerseits verschenkte er einmal sein letztes Geld einem
preussischen Soldaten, andererseits schrieb er leidenschaftlich
Gedichte und Lieder gegen Krieg und Söldnerdienst; einerseits
schrieb er manchem Fürsten Lobgedichte, andererseits war
er ein rebellischer Untertan, scharfer Kritiker von Despotismus,
Kleinstaaterei und Fürstenwillkür; einerseits war
er noch kein Republikaner, andererseits begrüsste er leidenschaftlich
die Französische Revolution; einerseits wurde er von den
Literaten des Vormärz und der 1848er Revolution kaum beachtet,
andererseits dagegen umso mehr von evangelischen Theologen,
wie z.B. David Friedrich Strauss, seinem Biographen; einerseits
gibt es Zeugnisse für Schubarts reumütige und selbstanklagende
Frömmelei, v.a. an einigen Stellen seiner Autobiographie
"Leben und Gesinnungen", andererseits war er ein antiklerikaler
Vorkämpfer gegen den Fürstbischof von Ellwangen, die
Jesuiten, den Dekan Zilling - der ihn sogar exkommunizieren
liess - ein regelrechter Freidenker? Einige Widersprüche
werden sich lösen lassen.
Von einer Jugend in Aalen
Am 26. März 1739 ist Schubart in Obersontheim geboren.
Der Ort war damals die Residenz des Kleinstaats Grafschaft Limpurg
(zwischen Hall und Ellwangen gelegen). Aber schon ein Jahr später
übersiedelte die Familie nach Aalen, wo sein Vater als
"Präzeptor" (ein studierter Lehrer) und Musikdirektor tätig
wurde. Über seine nunmehrige Heimatstadt Aalen äusserte
sich Schubart in seinen Memoiren: "In dieser Stadt, die verkannt
wie die redliche Einfalt, schon viele Jahre im Kochertale genügsame
Bürger nährt - Bürger von altdeutscher Sitte,
bieder geschäftig, wild und stark wie ihre Eichen, Verächter
des Auslands, trotzige Verteidiger ihres Kittels, ihrer Misthaufen
und ihrer donnernden Mundart, wurd ich erzogen... Was in Aalen
gewöhnlicher Ton ist, scheint in anderen Städten trazischer
Aufschrei und am Hofe Raserei zu sein. Von diesen ersten Grundzügen
schreibt sich mein derber deutscher Ton..." über seine
Schulzeit schrieb er: "In meinen jungen Jahren liess ich wenig
Talent blicken, dagegen mehr Hang zur Unreinheit, Unordnung
und Trägheit. Ich warf meine Schulbücher in den Bach,
schien dumm und trocken, schlief beständig, liess mich
schafmässig führen, wohin man wollte, und konnte im
7. Jahre weder lesen noch schreiben. Plötzlich sprang die
Rinde... Im 8. Jahr übertraf ich meinen Vater schon am
Clavier, sang mit Gefühl, spielte Violin, unterwies meine
Brüder in der Musik und setzte im 9. und 10. Jahre Galanterie-
und Kirchenstücke auf..."
Vom Studiosus Schubart
Er war also halb Faulpelz, halb Wunderkind. Er war begabt, aber
recht mittellos. So blieb ihm, wie damals üblich, kaum
etwas anderes übrig als die Theologie. Mit 14 wurde er
zur Vorbereitung auf die Universität in ein Lyzeum nach
Nördlingen geschickt. Dort berichtete man über ihn,
er habe unzüchtige Billets geschrieben, allzu freien Umgang
mit Handwerksburschen gepflegt und seine musikalischen Fähigkeiten
zur geselligen Unterhaltung missbraucht. Im Umgang mit Fiedlern
und Handwerksburschen entstanden seine ersten volksliedhaften
Gedichte, z.B. das "Schneiderlied", das sich über das Muckertum
lustig machte. Nach drei Jahren Nördlingen kam er nach
Nürnberg. Gerade dort angekommen, brach der Siebenjährige
Krieg aus. Preussen und Österreich kämpften um die
Vorherrschaft im Deutschen Reich. Der Studiosus Schubart schlug
sich voll Begeisterung auf die Seite Preussens. Zur selben Zeit
wurden auch seine Texte anonym gedruckt und durch ihren gassenhauerischen
Ton schnell populär. Nach Nürnberg begann für
ihn eine dreijährige Vakanzzeit als Arbeitsloser bei seinem
Vater in Aalen. In dieser Zeit half er Landpfarrern beim Predigen
aus, die er schon mal gänzlich in Reimen vortrug. Tadelnd
wurde bemerkt, dass es ihm auf der Kanzel "an Fleiss, Salbung
und ernstem Bibelstudium" mangele. In diesen Jahren war er auch
tätig als bezahlter Lohndichter für Lobhudeleien von
kirchlichen und weltlichen Grössen, was damals durchaus
üblich war. So erhielt er für eine solche Ode auf
den Tod des Kaisers Josef I. einen kaiserlichen Poetentitel,
"eine Ehre, derer schon manches Rindvieh gewürdiget worden"
war, wie Schubart dies später zähneknirschend feststellte.
Vom Hofmeisterdasein im Amt Heidenheim
In der Vakanzzeit verdingte sich Schubart auch als Hofmeister
im Blezingerschen Haus zu Königsbronn und kam von dort
häufig nach Heidenheim in Gesellschaft. In seiner Autobiographie
schrieb er: "Ich genoss in Heidenheim des öftern Umgang
mit den dasigen Ehrenmännern; Tonkunst, und helle, frische
Laune verschafften mir auch hier überall Eingang. Damals
lag das Bouwinghaufsche Husarenregiment im Heidenheimer Amt,
wodurch ich Gelegenheit bekam, mit manchem braven Offizier Bekanntschaft
zu machen." Heidenheim zählte übrigens damals gerade
1576 Einwohner, davon waren 57 auf der Wanderschaft, beim Landesherren
im Kriegsdienst 16, bei fremden (!) Potentaten im Dienst 15,
ortsanwesend also: 1488 Einwohner.
Von Grausamkeiten und Aberglauben
Das Zeitalter der Aufklärung war noch keinesweg bis auf
die Ostalb gedrungen. Auf dem hinteren Totenberg, der Richtstätte
in Heidenheim, wurde am 13. September 1710 der Freidenker Neumeyer
wegen Gotteslästerung vom Scharfrichter Widmann enthauptet.
Sein Kopf wurde zur Abschreckung auf einen Pfahl gesteckt. Allgemein
üblich war damals auch die Folter und grässliche unmenschliche
Hinrichtungsmethoden, wie das aufs Rad flechten. Ein Ende fanden
die Hinrichtungen auf dem Heidenheimer Galgenberg durch durchziehende
französische Revolutionstruppen. Diese beseitigten den
Galgen. Zeichnung von Landesgeometer Amman vom Heidenheimer
Galgenberg .Geländeplan von 1798. 1735 findet in Nattheim
die letzte Hexenhysterie mit "Untersuchungen" statt. 1723 ist
Maria Thumm Opfer einer "Teufelsaustreibung" durch den Nattheimer
Pfarrer. Auch 1763 findet so eine angebliche Austreibung bei
Anna Bader aus Heuchstetten statt. 1766 meldet der Heidenheimer
Dekan, in seiner Gemeinde sei es weithin üblich, dass man,
wenn jemand von einem tollen Hund gebissen worden sei, zum nächsten
katholischen Ort laufe und den sogenannten Hubertusschlüssel
hole, mit dem der Gebissene gebrannt werden müsse. Dies
sei am 10. August d.J. bei einem Kind aus Aufhausen geschehen.
Der Schmied selbst habe aus Waldhausen den Schlüssel geholt,
das Kind und in Aufhausen alles, Kinder, Hunde, Vieh und Schweine
gebrannt. (Ob's wohl geholfen hat?) 1775 fand in Deutschland
die letzte Hexenverbrennung statt. 1776 wurde offiziell die
Folter bei Verhören in Württemberg abgeschafft.
Von der Jagd des Herzogs
Die Heidenheimer Umgegend war ein beliebtes Jagdgebiet des Herzogs
von Württemberg. Das Schnaitheimer Jagdschlössle und
Schloss Hellenstein waren beliebte Aufenthaltsorte der adligen
Jäger. Auch Herzog Carl Eugen war ein guter Reiter und
der Jagd zu Pferde leidenschaftlich ergeben, mit Vorliebe hetzte
er Sauen über Land. Die Heidenheimer Orte hatten dann jeweils
starke Belastungen zu tragen und mussten zahlreiche Leute für
die Treibjagd stellen. Allein 1769 sollen 18.400 Treiber gebraucht
worden sein, um 82 Heidenheimer Wildschweine zu fangen. In neun
Jahren soll der Herzog so auch 241 Hirsche erlegt haben. Im
Oberamt Heidenheim mussten für die fürstliche Jagd
allein 5298 Morgen Land brach liegen gelassen werden. Trotzdem
mussten unsere Vorfahren für dieses Land die vollen steuerlichen
Abgaben entrichten. 1764 überliess der Herzog Stadt und
Amt Heidenheim den Forst gegen ein Darlehen von 25.000 Gulden.
Sobald er aber das Geld in Händen hatte, zog er seinen
Forst wieder an sich, ohne sich um die Rückzahlung des
Geldes zu kümmern.
Von Wildschützen
Besonders ausgebrägt war deshalb auch das Wildschützenwesen
in den Wäldern um Heidenheim herum. 1771 wurde beklagt,
es gäbe "viele freche Wilderer". Das Wildschützenwesen
war für viele Untertanen ein Ausdruck seiner Freiheitshoffnungen
und für die Armen häufig die einzige Möglichkeit
an Fleisch zu kommen. Auch für die Landwirtschaft brachte
der starke Tierbestand immense Schäden, dass man schon
einmal zur Selbsthilfe griff. Dieser Zustand hielt an, bis in
der Mitte des 19. Jahrhunderts die Jagdprivilegien der Fürsten
abgeschafft wurden. Allein auf dem Königsbronner Gebiet
befinden sich drei Gedenksteine für Opfer des bisweilen
blutig ausgetragenen Kampfs zwischen Jägern und Wildschützen.
Hierzu lohnt ein Ausflug in das sehenswerte Torbogenmuseum in
Königsbronn, das mit einem eigenen Jäger- und Wildererraum
ausgestattet ist.
Vom Schulmeisterdasein in Geislingen
Schubarts Vakanzzeit hatte 1763 ein Ende, als er nach vielen
Mühen eine Stelle als Schulmeister, Organist und Prediger
in Geislingen erhielt. Geislingen gehörte damals zur reichsunmittelbaren
Stadt Ulm und hatte rund 1500 Einwohner. In Geislingen, wo er
seine Frau Helene heiratet und einen Hausstand gründet,
muss er täglich mindestens neun Stunden 120 bis 150 Schüler
in der deutschen und Lateinschule unterrichten. In der Kirche
hatte er Orgel zu spielen und die Musik bei Leichenbegängen
zu gestalten. Zur Weihnachtszeit musste er mit seinen Schülern
eine Woche von Haus zu Haus herumziehen und betteln (Currendsingen).
Jahre später beschrieb er in seiner "Deutschen Chronik",
durch eine satirischen Anzeige, wohl seine Geislinger Tage:
"Nachricht. Welcher Magister hat Lust Schulmann in - zu werden?
- Er muss gut Latein, Griechisch und Hebäisch verstehen;
auch etwas Französisch und Italienisch. Im Christentum,
Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Historie, Geographie, Feldmessen
muss er Meister sein. Informieren darf er nicht mehr als Tags
12 Stunden, daneben kann er sich noch mit Privatstunden was
verdienen. Da man den Organisten mit ihm ersparen möchte;
so wärs gut, wenn er die Orgel spielen, gut geigen und
den Zinken [die Posaune] auf dem Turm blasen könnte. Den
Geistlichen assistiert er zuweilen im Predigen und Catechisieren.
Weil er die Leichen hinausgingen muss, so muss er eine sehr
gute Stimme haben. Seine Besoldung besteht aus 100 Gulden an
Geld, etwas Naturalien, freie Wohnung, 6 Ellen Krautland, freie
Eichelmast und einee Mistststätte vor seinem Haus. Den
Rang hat er gleich nach dem Burgerstädtmeister, der gegenwärtig
ein Gerber ist; ausser dem solls den Buben nicht erlaubt sein,
ihn mit Erbsen zu schiessen. Es wäre dem Magistrat sehr
lieb, wenn der Kandidat ledig wäre. Der Vorfahr im Amt
hat eine sehr häusliche und gottesfürchtige Witwe
hinterlassen. Sie ist zwar schon eine Funfzgerin; kann aber
doch noch lange leben." (79. Stück vom 2. Okt. 1775).
Vom Schulwesen in Württemberg
Im evangelischen Württemberg wurden nach 1649 die Volksschulen,
mit allgemeiner Schulpflicht, eingeführt. Die Schulmeister
waren nur die Bediensteten des Pfarrers, wenig geachtet und
mit einem Hungerlohn ausgestattet. Die Schulen unterstanden
der evangelischen Kirche. Noch heute ist die württembergische
evangelische Kirche besonders stolz auf diese schulische Pionierleistung.
Aber wie sah diese Erziehung aus? Der Fächerkanon umfasste,
nach der für Württemberg gültigen Schulordnung
von 1729, in erster Linie das Memorieren von Bibelsprüchen,
Gesangbuchliedern, Katechismusstücken und Gebeten. Im Jahr
1800 waren trotz Schulpflicht immer noch 80 % (!) der Bevölkerung
Analphabeten. Die Schule diente also nur nebenbei der Wissensvermittlung.
Ihr Hauptziel war vielmehr die Erziehung zu gehorsamen Untertanen.
Erst nach der Revolution von 1848/49 gelang es den Religionsunterricht
auf 6 bis 7 Stunden wöchentlich zu verkürzen. Erst
ab dieser Zeit konnte vermehrt Naturwissenschaft und wirkliche
Bildung vermittelt werden.
Schubart fühlte sich von seinen geistlichen Herren, den
Ortspfarrern, arg beengt. Er nannte sich selbst damals "den
Sklaven zweier tyrannischer Pfaffen". In der Schule, und das
wurde ihm übel genommen, verwendete der Lehrer Schubart
bisweilen zwei Stilübungen:
"Es ist schon recht; es ist schon recht, Also sprach der Pfaffenknecht."
und "Du Hauptmann von Kapernaum, Schlag diesen Pfaffen lahm
und krumm, Und schlägst du ihm die Rippen ein, So sollst
du Oberstleutnant sein."
Die Konflikte mit den Theologen haben Schubart nicht mehr losgelassen.
In seiner Autobiographie schrieb er: "Es war überhaupt
von mir die sträflichste Unklugheit, dass ich mich, aus
einem gewissen inneren Widerwillen, nie mit der Geistlichkeit
vertragen wollte. Ich bedachte nicht, dass sie fast überall,
zum Teil auch in protestantischen Landen, eine furchtbare Kette
bilden; man darf nur ein Glied im Zorn entzünden: so glühen
gemeiniglich die übrigen Glieder der grossen Kette alle."
Interessant sind auch Schubarts selbstverfasste Texte für
den Unterricht. Eine Fabel über einen Schulmeister und
ein Anti-Kriegs-Gedicht:
"In Africa ist ein Tier mit Namen Plimpplamp, von ganz wunderbarer
Art. Es hat keine Galle, keinen Magen und doch einen vortrefflichen
Tier-Verstand. Es arbeitet von Morgen bis zum Abend und reiniget
den Wald von allem Kote, den die jungen Bestien schmeissen.
Wann es nun genug gearbeitet hat, so riecht es dreimal in den
Wind, und lebt also würklich von der Luft. Es ist so geduldig,
dass es sich ganz gelassen von allen wilden Tieren ins Gesicht
pissen lässt. Es ist immer hungrig und frisst doch nichts;
immer durstig und trinkt doch nichts; es arbeitet beständig
und hat Dreck zum Lohne. Es hat ein gutes Gesicht und sieht
doch nichts; einen scharfen Geruch und riecht doch nichts. Es
ist im ganzen Wald das nützlichste Tier und wird doch von
den andern Tieren für das schlechteste gehalten. Dieses
arme Tier hat in seinem ganzen Leben nur einen einzigen glücklichen
Tag, nämlich den Tag - wann es verreckt. Was muss das doch
für ein Tier sein? Hm! Was sonst als ein verwandelter Schulmeister,
wenigstens sind unsre Schulmeister die Moral zu dieser Fabel."
"Schiessen möcht ich hören, wann die Kugel noch Leberknöpflen
wären: gäb es doch kein Loch. Säbel sind ein
Wurst. Mit Bratwürsten hauen Das ist meine Lust. Solche
Krieg sind schöner Die ergötzen uns Nun ich bin Dein
Diener ...Michel Blunz."
Schubarts sechs Geislinger Jahre, gekennzeichnet von der geistiger
Enge einer damaligen Provinzkleinstadt, endeten mit seiner Anstellung
als Musikus am Hof des Württembergischen Herzogs in Ludwigsburg.
über Geislingen schrieb er zum Abschied, "dass ich seithero
ein armseliges Einkommen gehabt habe und mich kaum vor Schulden
bewahren konnte".
Vom Musikus in der Residenz
Schubarts weltlicher Lebensstil in Ludwigsburg, beschrieben
durch "Brauskopf und gewaltiger Trinker, Spassvogel und genialer
Unterhalter", dazwischen wieder Liebschaften und ständiger
Konflikt mit seinem Dekan Zilling, der ihn sogar wegen einer
Satire "auf eine Standesperson" exkommunizieren liess und ihm
somit das Orgelspielen unmöglich machte, führten schliesslich
zu seiner Entfernung aus Ludwigsburg. 1773 wurde er seines Postens
enthoben, durch den herzoglichen Erlass "dahero dem Schubart
hie von die Eröffnung zu tun, mit dem Bedeuten, sich aus
Unsern Herzoglichen Landen unfehlbar zu entfernen".
Vom Kirchenleben in Württemberg
Die Untertanen konnten ihre Religion nicht frei wählen.
Der Landesherr bestimmte selbstherrlich über das religöse
Bekenntniss seiner Untertanen und hatte die Leitung der evangelischen
Landeskirche in Württemberg inne.
1644 wurden in Württemberg "Kirchenkonvente" eingeführt.
Initiator dieser theologischen Spezialität war der Calwer
Dekan Johann Valentin Andreae. Es waren dies örtliche Sittengerichte
unter dem Vorsitz des Ortspfarrers. Diese Kirchenkonvente, die
erst 1891 offiziell abgeschafft wurden, verhandelten und bestraften
die Verfehlungen der Untertanen, wie z.B. Kirchensäumigkeit,
Fluchen, Sonntagsarbeit, Zaubern, Trinken, Raufhändel und
das "Zusammenschlupfen" unverheirateter Paare. Bestraft wurden
auch ledige Mütter und Kindsgeburten vor dem neunten Monat
nach Eheschluss. Die Strafen konnten recht drakonisch sein:
Geldstrafen, Einsitzen und Prangerstehen mit entsprechenden
Schandmasken. (Ein recht lebendiges Bild hiervon bietet sich
den Besuchern des sehenswerten Kriminalmuseums in Rothenburg
o.d.Tauber). Am Sonntag und an Feiertagen herrschte Teilnahmepflicht
beim Gottesdienst. Streng beachtet wurde auch das Gebot zur
Sonntagsruhe: keine Fuhrwerke, Wirtschaftsbesuche, Tanzen und
Spielen, Lärmen und Erledigungen. Umgänger kontrollierten
während der Gottesdienste die Häuser. Hierzu musste
sogar die Hausschlüssel deponiert werden. Büttel beaufsichtigten
in der Kirche die Gläubigen und schauten streng nach Schläfern
und Schwätzern. Geregelt war dies in den Verordnungen der
Württembergischen Landeskirche von 1654, die alle zwanzig
bis dreissig Jahre erneuert wurden, bis 1844. Eine folgenreiche
Verordnung war auch das "Generalrescript" von 1781 gegen die
"Übelhäuser". Jeder, der seine Landwirtschaft schlecht
betrieb oder sein Haus "verludern" liess, konnte enteignet werden
(!). Die Verhandlung hierzu fand vor dem Kirchenkonvent statt.
Gezielt wurde das Einander-Beobachten und Verpetzen gefördert,
denn der Petzer erhielt das "Anbringdrittel", ein Drittel der
entsprechenden Geldstrafe oder des enteigneten Besitzes. Keiner
traute sich nunmehr, seine Wirtschaft zu vernachlässigen.
Nach aussen hin musste man so tun, als ob man niemals müssiggängig
wäre und immer schwer schaffig sei. Überbleibsel dieser
"Landessitten" sind heute noch die übertriebene Putzsucht
und die Institution der Kehrwoche bei den Schwaben. Eine treffende
Beschreibung dieser Zeit gelang Hermann Kurz in seinem dokumentarischen
Roman "Der Sonnenwirt". Das Schicksal des "edlen Räubers"
Friedrich Schwan, des Sonnenwirtle von Ebersbach, beschreibt
anschaulich die Scheinheiligkeit und Niedertracht dieser Kirchenkonvente
im Württemberg jener Zeit.
Vom Auernheimer Aufstand
In den katholischen Gebieten war das geistige Leben nicht weniger
beengt. Die recht wirksame Methode der Ohrenbeichte ermöglichte
der Obrigkeit, die Untertanen gut im Zaum zu halten. Dennoch
kam es auch hier zu offener Rebellion. Stadt und Kloster Neresheim
um 1790 Auernheim war 1764 von Oettingen an das Kloster Neresheim
abgetreten worden. 1777 erhoben sich die Untertanen zur offenen
Rebellion, dem "Auernheimer Aufstand". Gerade zu dieser Zeit,
als der Bau der weltberühmten Neresheimer Abtei kurz vor
seiner Vollendung stand, wollte der Abt Benedikt Maria Angehrn
die imensen Baukosten durch vermehrte Ausbeutung seiner Untertanen
auffangen. Der Abt macht nun Anordnungen "zur Anrichtung einer
besseren Wirtschaft der Gemeinde". Die Auernheimer aber argwöhnten
darin Anschläge, ihnen das Ihrige zu entziehen. Die Unzufriedenen
kamen in einem Haus, dass Württemberg gült- und vogtbar
war, zusammen, erklärten den klösterlichen Schultheissen
und Bürgermeister für abgesetzt und stellten aus ihrer
Mitte zwei Bürgermeister auf. Ausserdem drohten sie, einen
anderen Schutzherren, den von Oettingen-Wallerstein, zu suchen.
Es wurde sogar beim Reichskammergericht geklagt. Der Spruch,
dass "unterm Krummstab gut leben wäre", galt für die
Auernheimer nicht. Es kam zu einer militärischen Besatzung,
fortgesetzten Strafen, Gefängniss- und Zuchthausstrafen
für die berechtigten Empörer. An die Auernheimer Rebellen
und alle Neresheimer Untertanen, die ja diesen Prachtbau finanziert
hatten, sollte auch gedacht werden, wenn man die bekannte Abtei,
mit den Künsten des Balthasar Neumann und Martin Kneller,
besichtigt.
Vom Reiseleben
Nach Schubarts unrühmlichem Abschied aus Ludwigsburg, begann
für ihn ein langjähriges Reiseleben durch ganz Süddeutschland.
In Mannheim legte er sich mit den Jesuiten an: "Ich machte gewaltige
Ausfälle gegen diese schwarzen Gesellen, die aber solcher
papierernen Blitze nicht achteten und mich dagegen mit bitterem
Grimme verfolgten." In München blieb er einige Zeit und
wäre beinahe aus beruflichen Gründen katholisch geworden.
Die Auskünfte aus Stuttgart über ihn aber, brachten
das vernichtende Urteil, "dass ich keinen heiligen Geist glaubte
und vorzüglich deswegen das Württembergische habe
räumen müssen." So wurde er auch in München verabschiedet.
Von der Deutschen Chronik
Schliesslich wurde er in Augsburg Journalist. Am 31. März
1774 erschien die erste Ausgabe seiner "Deutschen Chronik",
einer Zeitschrift, die "um einen billigen Preis, auf jedem Postamte
in Deutschland gekauft werden konnte". Die "Deutsche Chronik"
war ein volkstümliches Blatt, das sich mit politischen
Fragen befasste und literarische, pädagogische und poetische
Beiträge brachte. Die Chronik war ausserordentlich erfolgreich
und bald das wichtigste puplizistische Organ der bürgerlichen
Opposition im ganzen Deutschen Reich. Schubart war jetzt 35
Jahre alt und hatte endlich einen Beruf, der Dauer und Einkommen
versprach. 1775 wurden 1600 Exemplare verkauft. Da die Chronik
viel herumgereicht wurde, hatte sie bis zu 20.000 Leser. Nach
nur fünf Wochen wurde der Druck in Augsburg untersagt und
musste nach Ulm verlegt werden. Die katholische Partei in Augsburg
sah in Schubart ihren Hauptfeind. So wurde Schubarts Schlafzimmer
mit einem Steinhagel bedacht, vor dem er nur unter seinem Bett
Schutz fand. Besonders intensiv legte sich die Chronik mit dem
Orden der Jesuiten an. Diese verbrannten sogar ein Spottgedicht
des antiklerikalen Schubart öffentlich. Schubart schrieb
in der Chronik: "den Geist dieses Ordens, der sich wie epidemischer
Hauch im Finstern oder am hellen Mittage verderbend in einem
Staat verbreitet". Und "Die Zahl der Freunde und Verteidiger
des Jesuitenordens vermindert sich täglich. Die Partei
der Grossen und der Verständigen ist gegen sie. Dass hier
und da katholischer Pöbel noch ein Seufzerlein für
sie gen Himmel schickt, machts nicht aus. Die Welt sieht nun
einstimmig ein, dass die Verdienste dieses Ordens nicht so gross
gewesen, als man anfangs glaubte. Die Katholischen machen nun
die herrlichsten Erziehungsanstalten ohne Beistand der Jesuiten,
und wir Protestanten haben schon längst in allen Teilen
der Wissenschaften Meister aufzuweisen, ohne unsere Weisheit
aus den Schulen oder Schriften der Jesuiten geholt zu haben.
In der Mathematik und Physik hatten sie einige sehr gute und
brauchbare Männer, in allen andern Wissenschaften aber
würd' es schädlich sein, ihre Grundsätze fortzupflanzen.
Ihre Theologie ist ein weitläuftiges, scholastisches Gewirre,
das das Herz nicht bessert und den Verstand mit unnützen
Subtilitäten anfüllt. Ihre Methode, die Philosophie
zu lehren , ist steif und unnütze. Schwimmt auch hier und
dar eine grosse Leibnizsche Idee in ihren Systemen; so ersticken
sies wieder in ihrem eignen Wuste. Ihre Moral ist verderblich
und dem Staate nachteilig und in den schönen Wissenschaften
haben sie kaum etwas mehr getan - als gelallt." (Aus dem 14.
Stück vom 16. Februar)
Vom Scharlatan in Ellwangen
Angehörige der Jesuiten waren auch in die Affäre Gassner
verwickelt. Der katholische Pfarrer Gassner hatte sich mit Wunderheilungen
und Teufelsaustreibungen einen Namen gemacht. Beim Fürstbischof
von Ellwangen gelang es ihm, die geistige Residenz zu einer
lukrativen Wallfahrtsstätte auszubauen. Schubart schrieb:
er Pfarrer Gassner zu Klösterle fährt fort, den dummen
Schwabenpöbel zu blenden. Er heilt Höcker, Kröpfe.
Epilepsien - nicht durch Arzneien, sondern bloss durch Handauflegen
seiner hohepriesterlichen Hand. Kürzlich hat er ein herrliches
Buch herausgegeben, wie man dem Teufel widerstehen soll, wenn
er in Menschen und Häusern rumort. Und da gibt's noch tausend
Menschen um mich her, die an diese Narrheiten glauben. - Heiliger
Sokrates, erbarme dich meiner! Wann hören wir doch einmal
auf, Schwabenstreiche zu machen!"
Schubart erntete einen Schwall von Schmähschriften und
eine Hausdurchsuchung, sowie eine Arretierung und musste schliesslich
die Stadt Augsburg verlassen.
Von der Chronik in Ulm
Im Januar 1775 zog Schubart mit seiner Chronik nach Ulm um.
Die Chronik entwickelte sich jetzt erst richtig. Die meisten
Beiträge der wichtigsten deutschen Oppositionszeitschrift
schrieb Schubart selbst. Er vertrat darin einen Patriotismus,
der gerichtet war gegen die über 300 deutschen Länder
mit Landesgrenzen und Zöllen und gegen die Selbstherrlichkeit
der Landesherren. Sein Partiotismus zielte auf eine Wiederbelebung
des Reichsgedankens und gegen die teuren Hofhaltungen der Kleinfürsten.
Er machte sich auch Illusionen über die politische und
moralische Kraft Preussens. Von hier aus könnte es Impulse
für eine Einigung des Vaterlandes geben. Politische Sympathien
hatte Schubart für die Schweiz und den Freiheitskampf der
amerikanischen Kolonien. Ein entschiedener Republikaner war
er noch nicht. Er hoffte noch auf "aufgeklärte" und "milde"
Fürsten. Die Französische Revolution begrüsste
er später und besonders die Staatsform der 1791 eingeführten
konstitutionellen Monarchie. Schubarts Partiotismus hatte vor
allem aber auch eine soziale Komponente. Es ging ihm um die
Emanzipation der unteren Stände, die die Fürsten verhinderten
um sich weiter ihr luxuriöses Leben erhalten zu können.
In Ulm fühlte sich Schubart sichtlich wohl. Der wachsende
Erfolg der Chronik sicherte ihm ein Einkommen. Er hatte vielfältige
Kontakte und auch kleinere Reibereien mit den Autoritäten
der Stadt. Davon zeugt sein Epigramm:
"Befehl einer schwäbischen Reichsstadt: Kund und zu wissen
ist: Ihr Bürger, macht die Strassen rein Von allem Kot
und Mist; Sonst legt der Magistrat sich drein!"
Die Chronik fand Verbreitung bis nach London, Paris, Amsterdam
und Petersburg. In dieser Zeit entstand auch Schubarts Erzählung
"Zur Geschichte des menschlichen Herzens", das Schiller die
Fabel für sein späteres Drama "Die Räuber" lieferte.
Er gab als Musiker Konzerte und sogar die Zensur war ihm wohlgesonnen
wie nie zuvor. Er machte sich aber auch viele Feinde. über
den württembergischen Herzog schrieb er:
"Ihr Herzog ist hier durchpassiert und war ungemein gnädig.
Er hat einen hiesigen Patriziersohn in die Sklavenplantage [die
Hohe Carlsschule, wo auch Schiller dressiert werden sollte]
aufgenommen. Seine Donna Schmergalina [seine Mätresse Franziska
von Hohenheim] sass neben ihm wie Mariane an Achmets Seite.
Aller Fürstenglanz ist in meinen Augen nicht mehr als -
das Glimmen einer Lichtputze - es glimmt und stinkt."
Dies erregte natürlich des Herzogs Grimm.
Vom Märtyrertod des Freigeistes Nickel
Auch mit seinen alten Widersachern, den Jesuiten gab's Ärger.
Ein Vorfall sollte die Brutalität und Gefährlichkeit
dieser Klerikalen zeigen. Knapp ausserhalb der Ulmer Stadtmauern,
in Wiblingen, wurde Josef Nickel, ein entlaufener Jesuitenschüler,
der sich zu den Schriften Wielands, Lessings und Votaires bekannt
hatte, gegen den Pater Gassner redete und offen für Schubart
eintrat, unter dem Vorwurf der Ketzerei verhaftet, zum Tode
verurteilt und "im Jahr des Heils 1776, am ersten Juni, Morgens
8 Uhr" geköpft. Schubart, der ihm einen Roman geliehen
hatte, wurde beschuldigt, der Verursacher der "Religionsbeschimpfung
und Gotteslästerei" Nickels gewesen zu sein. "Dieser Zufall
kerkerte mich gleichsam in Ulm ein, weil mir ein gleiches Schicksal
drohte".
Von Wundern in Ellwangen
Eine Reise nach Ellwangen und Aalen musste Schubart deshalb
unter falschem Namen antreten. Der Fürstprobst von Ellwangen
machte noch immer die besten Geschäfte mit Wallfahrten
und den Wunderheilungen des berüchtigten Pater Gassner.
Schubart berichtet: "Die Strasse von Aalen nach Ellwangen wimmelte
eben damals von elenden Pilgrimen, welche bei Gassnern Hilfe
suchten. Das tausendfältige Elend von zehn, zwanzig, dreissig
Meilen in die Länge und Breite schien in dieser Gegend
zusammengedrängt zu sein. Alle Herbergen, Ställe,
Schafhäuser, Zäune und Hecken lagen voll von Blinden,
Tauben, Lahmen, Krüppeln, von Epilepsie, Schlagflüssen,
Gicht und anderen Zufällen jämmerlich zugerichteten
Menschen. Was Krebs, Eiter, Grind und Krätze Ekelhaftes,
Abscheuliches, Entsetzliches hat, - selbst was die Seele drückt
und entmannt - Schwermut, Wahnsinn, Tollheit, stille Wut, Raserei,
teuflische Anfechtungen - war hier in Aalen und auf dem Wege
nach Ellwangen an Krücken, an Stecken, auf Eseln, Pferden,
Karren, in Tragtüchern, auf Reffen und Bahren in einer
schrecklichen Gruppe zusammengedrängt zu sehen. 0, dachte
ich, Gassner, wenn du all diesem Jammer abhilfst, all dies Elend
im Namen Jesu wegsprichst, so will ich auf den Knien zu dir
kriechen und dir meinen Unglauben mit gefalteten Händen
abbitten. Aber leider! kamen diese Elenden noch elender zurück;
denn da sie auf der Reise nicht selten all ihre Habe verzehrt
hatten, so mussten sie nun betteln und zum Teil auf der Strasse
zu Grunde gehen." Ironie des Schicksals: Noch heute ist Ellwangen
offizieller katholischer Wallfahrtsort für Kranke, die
sich dort Wunderheilungen versprechen!
Von der Unschädlichmachung eines Freigeistes
Der unbequeme Journalist Schubart sollte unschädlich gemacht
werden. Und es begann ein Komplott mit der herzoglichen Order
vom 18. Januar 1777: "An den Kloster-Oberamtmann Scholl in Blaubeuren
(nahe Ulm) ergangen. Sie wurde eingeleitet mit dem Hinweis,
dass der -gewesene Stadtorganist Schubart teils um seiner schlechten
und ärgerlichen Aufführung willen, teils wegen seiner
sehr bösen und sogar Gotteslästerlichen Schreibart
auf untertänigsten Antrag des Herzoglichen Geheimen Rats
und Consistorii seines Amtes entsetzt und von dort weggejagt
worden ... Dieser sich nunmehro zu Ulm aufhaltende Mann fährt
bekanntermassen in seinem Geleise fort, und hat es bereits in
der Unverschämtheit so weit gebracht, dass fast kein gekröntes
Haupt und kein Fürst auf dem Erdboden ist, so nicht von
ihm in seinen herausgegebenen Schriften auf das freventlichste
angetastet worden, weiches Se.Herzogl.Durchlt. schon seit geraumer
Zeit auf den Entschluss gebracht, dessen habhaft zu werden,
um durch sichere Verwahrung seiner Person die menschliche Gesellschaft
von diesem unwürdigen und ansteckenden Gliede zu reinigen.
Sich dieserwegen an den Magistrat zu wenden, halten Höchstdielbe
für zu weitläufig und dürfte vielleicht den vorgesetzten
Endzweck gänzlich verfehlen machen; wohingegen solcher
am besten dadurch zu erreichen wäre, wenn Schubart unter
einem scheinbaren oder seinen Sitten und Leidenschaften anpassendem
Vorwande auf unstreitig Herzogl. Württembergischen Grund
und Boden gelockt und daselbst dort gefänglich niedergeworfen
werden könnte."
Die von langer Hand vorbereitete Intrige, auf Geheiss Herzog
Karl Eugens und die, als wahrscheinlich geltende, Mitwirkung
der Jesuiten bei der Denunziation und Verhaftung, lockte Schubart
unter einem Vorwand nach Blaubeuren ins Württembergische.
Dort wurde er verhaftet und zum Hohenasperg geschafft. So begann
seine über zehn Jahre dauernde Zeit auf dem Asperg, ohne
Anklage, ohne Prozess. der mutige Schubart sollte mundtot gemacht
werden und dies sollte zu Abschreckung für alle Freigeister
im Land dienen. Schubarts Haft begann zunächst mit 377
Tagen Totalisolation. Karl Eugen hielt Schubart für eine
Art "deutschen Votaire" und wollte an ihm ein Exempel statuieren:
seine Freigeisterei unter allen Umständen austreiben, um
den Widerstandswillen seines Volks zu brechen. Er bediente sich
hierzu eines pädagogischen Experiments: Schubart sollte
zu einem frommen und kirchentreuen Untertanen umerzogen werden.
Ein so gewandelter Schubart sollte wohl mehr nützen, als
ein hingerichteter Freiheitsmärtyrer.
Von der religiösen Gehirnwäsche
Die Umerziehung wurde eingeleitet von dem brutalen Festungskommandanten
Oberst Rieger und einem alten Bekannten, Schubarts Ludwigsburger
Widersacher, Dekan Zilling. Diese beiden Leuteschinder führten
einen bezeichnenden Briefwechsel über die Frage, wann und
wie der Sünder wieder an Tröstungen der heiligen Religion
herangeführt werden sollte. Der sich als geistiger Beistand
tarnende religöse Drill muss einer Gehirnwäsche gleichgekommen
sein. Schubart wurde zermürbt und verfiel in grässliche
Reueschwüre und Selbstanklagen. Er litt an Depressionen
und kam sogar so weit, Gott für die Gefängnishaft,
als Chance zur Einkehr, zu danken. Vieles davon drückt
sich in Schubarts später geschriebenen Lebenserinnerungen
aus, die voll von deprimierenden Selbstanklagen und Selbstzweifeln
sind. Schubart war schliesslich weitgehend isoliert und zermürbt.
Jahrelang durfte ihn noch nicht einmal seine Frau besuchen.
Wer wollte ihm da seine Schwäche vorwerfen? Von der Fürstengruft
1780 hoffte Schubart auf die Zusage zu seiner Entlassung, wurde
aber enttäuscht. Seine trotzige Reaktion war das gleichnamige
Gedicht.
Zur gleichen Zeit ging das Gerücht um, Schubart könnte
nach seiner Entlassung Lehrer an der Carlschule werden. Nach
der Aufhebung des Schreibverbots schrieb Schubart über
dieses Ansinnen seiner Frau:
7. Januar 1781: "Im übrigen dank ich Gott, dass ich nicht
in die Akademie komme. Dieser Posten hat für mein Temperament
und jetzigen Grundsätzen so viel Widerliches, dass ich
meinen Ekel nicht beschreiben kann. Ich taug in keine Sklavenfabrik.
Lieber als Dorfschulmeister für's Reich Jesu arbeiten als
mit dem Titel eines Professors Sklav sein und Sklaven machen.
Unterwürfigkeit werd' ich mir überall gefallen lassen,
und das hab' ich gewiss in meiner vierjährigen Gefangenschaft
gelernt, aber meinem Geist Fesseln anlegen lassen und selbst
Geister in Ketten legen helfen, dafür behüt mich,
lieber Herre Gott!"
Dieser Brief und die schnell populär gewordene "Fürstengruft"
klangen natürlich ganz anders, als die Bekenntnisse eines
reuigen Sünders. Schubart hatte sich wohl wieder gefangen
und seine Peiniger genarrt. Die Nachwelt mag sich selbst darüber
ein Urteil bilden, ob Isolationshaft und religiöse Gehirnwäsche
bei Schubart nachhaltig gewirkt hatten, oder ob er sie nicht
alle an der Nase herumgeführt hatte.
Vom Söldnerhandel und Kapregiment
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs die Zahl
der als Söldner verkauften Landeskinder erheblich an. 30.000
arme Schlucker, hauptsächlich aus Hessen, dienten für
England in den amerikanischen Kolonialkriegen. Nur knapp die
Hälfte kehrte wieder zurück. Der württembergische
Herzog Karl Eugen hatte bereits 1757, ohne Einverständnis
der Landesstände, 6000 Württemberger gegen drei Millionen
Gulden an Frankreich, für den Kampf gegen Preussen, abgetreten.
Das Land sah mit grosser Abneigung diese Kriegsspielereien des
Herzogs und es ging bei den Truppen die Losung um: Nach Böhmen
bringt Er uns nicht!" Die württembergischen Soldaten rebellierten
und desertierten. Der Herzog liess darauf 16 Landeskinder standrechtlich
erschiessen. Jetzt liess er eine Truppe von 2000 Mann für
die Ostindische Kopagnie ausheben, zum Schutz derer wirtschaftlichen
Interessen. Dieses "Kapregiment" diente 24 Jahre. Für Nachwuchs
wurde gesorgt. Karl Eugen erhielt dafür über 400.000
Gulden. Die Truppen waren zwar offiziell Freiwillige, insgeheim
hatte man aber ganze Dörfer umstellt und die jungen Burschen
einfach zur Unterschrift gezwungen. Aus dem Amt Heidenheim kamen
insgesamt 58 Rekrutierte nach Übersee. 44 von ihnen starben
auf See, am Kap von Südafrika oder in Niederländisch-Indien.
Von den insgesamt 3200 Württembergern kamen 2300 ums Leben,
nur knapp 100 (!) sahen die Heimat wieder. Da die Mannschaft
des Kapregiments zeitweilig auf dem Asperg stationiert waren,
schrieb der Gefangene Schubart: 22. Februar 1787: "Künftigen
Montag geht das aufs Vorgebirg der guten Hoffnung bestimmte
württembergische Regiment ab. Der Abzug wird einem Leichenkondukte
gleichen, denn Eltern, Ehemänner, Liebhaber, Geschwister,
Brüder, Freunde verlieren ihre Söhne, Weiber Liebchen,
Brüder, Freunde - wahrscheinlich auf immer. Ich hab ein
paar Klagelieder auf diese Gelegenheit verfertigt um Trost und
Mut in manches zagende Herz auszugiessen. Der Zweck der Dichtkunst
ist, nicht mit Geniezügen zu prahlen, sondern ihre himmlische
Kraft zum Besten der Menschheit zu gebrauchen." Das "Kaplied"
und das Gedicht "Für den Trupp" wurden in einer Broschüre
gedruckt und fanden ungeheure Verbreitung. Dazu vertonte Schubart
die Verse. Schiller besucht Schubart auf dem Hohenasperg
Von der wiedergewonnen Freiheit
Schiller war 1782 aus Württemberg geflohen und Schubart
war inszwischen zu einer Legende geworden. Die ungeheure Wirkung
und Verbreitung der "Fürstengruft", sowie die Tatsache,
dass Schubart unrechtmässig inhaftiert war, hatten ihn
im ganzen Deutschen Reich bekannt gemacht. überall wurden
seine Gedichte gedruckt, sogar legal in Württemberg. Für
den Herzog war dies sogar ein Geschäft, denn für die
Werke Schubarts strich er 2000 Gulden ein und überliess
dem Autor nur 1000 Gulden von den Einnahmen. Zahlreiche Prominente
setzten sich für die Freilassung Schubarts ein: Lavater,
Goethe, Campe, der Markgraf von Baden und mehrere Prinzen deutscher
Herrscherhäuser. Am 11. Mai 1787, nach zehn Jahren und
vier Monaten, wurde Schubart aus der Haft entlassen. Er erhielt
sogar als Gnadenbrot eine Stelle als Stuttgarter Hofpoet, Musik-
und Theaterdirektor. Ein Staatsfeind im Staatsdienst war wohl
weniger gefährlich als ein emigrierter politischer Journalist.
Der inzwischen 48jährige Schubart war indess froh erstmal
einen Beruf zu haben. Er genoss die wiedergewonnene Freiheit
und reiste in einem Triumpfzug durch die Orte seines Wirkens:
Geislingen, Ulm, Aalen.
Vom unbeugsamen Schubart
Sechs Wochen nach seiner Entlassung erschien auch wieder seine
Zeitung, jetzt als "Vaterländische Chronik", später
als "Vaterlandchronik", dann ab 1790 nur noch als "Chronik".
Bereits die erste Nummer machte ihm Schwierigkeiten, wie könne
es auch anders sein? In den vier Jahren, die Schubart noch verblieben,
brachten seine kritischen Berichte unentwegt Proteste der Regierungen
von Dänemark, Österreich, Preussen, Sachsen usw. 1788
wurde die Chronik in Pfalzbayern verboten, betrieben von katholischen
Fanatikern. Schubart schrieb wütend an seinen Bruder: "Der
abscheuliche Bigott Zoglio, ein stinkendes Exkrement Ihro päpstlichen
Heiligkeit (d.i. der päpstliche Nuntius), hat dieses Verbot
veranlasst." Wenn die Chronik auch nicht mehr ganz an die Schärfe
der Vor-Asperg-Zeit heranreichte, so blieb sie dennoch ein hervorragendes
Blatt. Die Auflage stieg ständig. Begeistert begrüsste
Schubart darin den Ausbruch der Französischen Revolution.
Nach dem Zeugnis seines Sohns, söhnte Schubart sich mit
dem Beginn der Revolution wieder mit den Franzosen aus, die
er oft genug angegriffen hatte, "und blieb der Sache der Freiheit,
unter allen Stürmen und Umschlägen, unerschütterlich
treu". In seinen letzten Lebensjahren, als Stuttgarter Schauspiel-
und Operndirektor, konnte Schubart, obwohl gesundheitlich schon
schwer angeschlagen, viel Nützliches vollbringen. Auf sein
Wirken führte man um 1800 zurück, dass Schulmeister
und Organisten in Württemberg respektable Kenntnisse im
Instrumentenspiel und in zeitgenössischer Musik besassen.
Unter seiner Theaterdirektion ging auch erstmals 1788 eine Mozart-Oper
über die Stuttgarter Bühne, obwohl der damalige Kapellmeister
Agostino Poli als entschiedener Mozart-Gegner galt. "Die Hochzeit
des Figaro" war zudem ja gerade das beste zeitgenössische
Bühnenwerk mit überdeutlicher antifeudaler Tendenz
und Satire. Zudem erschienen mehrere Werke und Liedsammlungen
Schubarts. Schubart, gesundheitlich geschwächt durch seine
lange Haftzeit, seelisch arg in Mitleidenschaft gezogen, unter
Melancholie und Depressionen leidend, allesamt Folgen von Gehirnwäsche
und Haft, - aber dennoch als unbgebeugter bürgerlicher
Rebell - starb am 10. Oktober 1791 an "Schleimfieber", im Alter
von nur 52 Jahren. Begraben wurde er auf dem Hoppenlau-Friedhof
in Stuttgart.
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