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Christian Friedrich Daniel Schubart
Der ewige Jude
(1783)

Eine lyrische Rhapsodie

Aus einem finstern Geklüfte Karmels
Kroch Ahasver. Bald sind's zweitausend Jahre,
Seit Unruh ihn durch alle Länder peitschte.
Als Jesus einst die Last des Kreuzes trug
Und rasten wollt vor Ahasveros' Tür,
Ach! da versagt' ihm Ahasver die Rast
Und stieß den Mittler trotzig von der Tür:
Und Jesus schwankt' und sank mit seiner Last.
Doch er verstummt. - Ein Todesengel trat
Vor Ahasveros hin und sprach im Grimme:
«Die Ruh hast du dem Menschensohn versagt;
Auch dir sei sie, Unmenschlicher! versagt,
Bis daß er kömmt!!» - Ein schwarzer höllentflohner 
Dämon geißelt nun dich, Ahasver, 
Von Land zu Land. Des Sterbens süßer Trost. 
Der Grabesruhe Trost ist dir versagt!
Aus einem finsteren Geklüfte Karmels 
Trat Ahasver. Er schüttelte den Staub 
Aus seinem Barte; nahm der aufgetürmten
Totenschädel einen, schleudert' ihn 
Hinab vom Karmel, daß er hüpft' und scholl 
Und splitterte. «Der war mein Vater!» brüllte 
Ahasveros. Noch ein Schädel! Ha, noch 
Sieben Schädel polterten hinab von 
Fels zu Fels! «Und die - und die», mit stierem 
Vorgequollnem Auge rast's der Jude:
«Und die - und die - sind meine Weiber - Ha!» 
Noch immer rollten Schädel. «Die und die», 
Brüllt Ahasver, «sind meine Kinder, ha! 
S i e  k o n n t e n  s t e r b e n !  - Aber ich Verworfner, 
I c h  k a n n  n i c h t  s t e r b e n  - Ach! das furchtbarste Gericht 
Hängt schreckenbrüllend ewig über mir. -

Jerusalem sank. Ich knirschte den Säugling,
Ich rannt in die Flamme. Ich fluchte dem Römer; 
Doch, ach! doch, ach! der rastlose Fluch 
Hielt mich am Haar, und - ich starb nicht.

Roma, die Riesin, stürzte in Trümmer;
Ich stellte mich unter die stürzende Riesin,
Doch, sie fiel - und zermalmte mich nicht.
Nationen entstanden und sanken vor mir;
I c h  a b e r  b l i e b  u n d  s t a r b  n i c h t ! !
Von wolkengegürteten Klippen stürzt' ich
Hinunter ins Meer; doch strudelnde Wellen
Wälzten mich ans Ufer, und des Seins
Flammenpfeil durchstach mich wieder.
Hinab sah ich in Ätnas grausen Schlund
Und wütete hinab in seinen Schlund.
Da brüllt ich mit den Riesen zehn Monden lang
Mein Angstgeheul und geißelte mit Seufzern
Die Schwefelmündung - Ha! zehn Monden lang!!
Doch Ätna gor und spie in einem Lavastrom
Mich wieder aus. Ich zuckt in Asch und lebte noch:
Es brannt ein Wald. Ich Rasender lief
In brennenden Wald. Vom Haare der Bäume
Troff Feuer auf mich -
Doch sengte nur die Flamme mein Gebein
Und - verzehrte mich nicht.
Da mischt ich mich unter die Schlächter der Menschheit.
Stürzte mich dicht ins Wetter der Schlacht.
Brüllte Hohn dem Gallier!
Hohn dem unbesiegten Deutschen:
Doch Pfeil und Wurfspieß brachen an mir.
An meinem Schädel splitterte
Des Sarazenen hochgeschwungenes Schwert.
Kugelsaat regnete herab an mir,
Wie Erbsen, auf eiserne Panzer geschleudert.
Die Blitze der Schlacht schlängelten sich
Kraftlos um meine Lenden,
Wie um des Zackenfelsen Hüften,
Der in Wolken sich birgt. -
Vergebens stampfte mich der Elefant;
Vergebens schlug mich der eiserne Huf
Des zornfunkelnden Streitrosses
Mit mir berstete die pulverschwangre Mine,
Schleudert' mich hoch in die Luft!
Betäubt stürze ich herab und fand mich - geröstet
Unter Blut und Hirn und Mark
Und unter zerstümmelten Äsern
Meiner Streitgenossen wieder.
An mir sprang der Stahlkolben des Riesen.
Des Henkers Faust lahmte an mir -;
Des Tigers Zahn stumpfte an mir;
Kein hungriger Löw zerriß mich im Zirkus.
Ich lagerte mich zu giftigen Schlangen;
Ich zwickte des Drachen blutroten Kamm;
Doch die Schlange stach - und mordete nicht!
Mich quälte der Drache und mordete nicht!
Da sprach ich Hohn den Tyrannen, Totenfarbe 
Und seinem Siechtum. Seinem Gräbergeruch! 
Sehen müssen durch Jahrtausende 
Das gähnende Ungeheuer  E i n e r l e i ! 
Und die geile, hungrige Zeit, 
Immer Kinder gebärend, immer Kinder verschlingend! - 
Ha! nicht sterben können! nicht sterben können!! - 
Schrecklicher Zürner im Himmel, 
Hast du in deinem Rüsehause 
Noch ein schrecklicheres Gericht? - 
Ha, so laß es niederdonnern auf mich! - 
Mich wälz ein Wettersturm 
Von Karmels Rücken hinunter, 
Daß ich an seinem Fuße 
Ausgestreckt lieg - 
Und keuch - und zuck und sterbe!! -»

Und Ahasveros sank. Ihm klang's im Ohr; 
Nacht deckte seine borst'gen Augenwimper. 
Ein Engel trug ihn wieder ins Geklüft.
«Da schlaf nun», sprach der Engel,
«Ahasver, Schlaf süßen Schlaf; Gott zürnt nicht ewig! 
Wenn du erwachst, so ist Er da, 
Des Blut auf Golgatha du fließen sahst; 
Und der - auch dir verzeiht.»                                 


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